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Campus Göttingen Göttinger forschen über Demenzdörfer
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00:34 16.04.2018
Ethische Fragen, die ein sogenanntes „Demenzdorf“ wie hier in Tönebön am See aufwerfen, beschäftigt Forscher in Göttingen. Quelle: fn
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Göttingen

„Menschen mit Demenz können im Laufe eines Tages aus Vergesslichkeit mehrmals eine Packung Eier kaufen“, berichtet der Medizinethiker. Im Restaurant fielen sie auf, weil sie nicht mehr richtig mit dem Besteck umzugehen wüssten. Das habe Niederländer 2009 auf die Idee gebracht, Betroffenen ein Dorf nachzubauen. Dort könnten die Kranken in einem geschützten Rahmen und unter Aufsicht ihrem Alltag nachgehen. Das erste deutsche Demenzdorf sei 2014 am Stadtrand von Hameln eröffnet worden. Die Warteliste sei dem Vernehmen nach lang.

Moderierte Gesprächsrunden

„Die neue Unterbringungsform stößt aber bei Fachleuten und in der breiten Öffentlichkeit auch auf Kritik“, weiß Schweda. Um das Für und Wider wissenschaftlich zu untersuchen, moderiere er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter, dem Doktoranden Tobias Doeubler, Gesprächsrunden mit sechs bis zehn Teilnehmern. Mitmachen könnten an den ein- bis zweistündigen Treffen im Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Humboldtallee 36 Angehörige, hauptberufliche Pflegekräfte sowie interessierte Bürger. Die große Resonanz habe sie überrascht.

Scheinbushaltestellen

„Ein Thema in den Diskussionen ist der Punkt der Täuschung“, sagt Doktorand Doeubler. Das beginne bereits bei dem Begriff „Dorf“ der eine Vorstellung von Gemeinschaft wecke, die sich in einer solchen Einrichtung kaum verwirklichen lasse. Greifbar werde das Problem etwa auch bei den Scheinbushaltestellen, die sich in manchen Demenzdörfen fänden. Weil die Kranken teilweise unruhig seien und weg wollten, würden ihnen solche Haltestellen gebaut. Dort warteten sie geduldig auf den Bus. Dass der nicht komme, realisierten sie nicht.

Einschränkung der Freiheit

„Kontrovers diskutiert wird die Einschränkung der Freiheit“, sagt Doeubler. Die Dörfer seien teilweise eingezäunt. Andererseits würden sie auch in einem Pflegeheim nicht einfach gehen können. Viele fänden den Weg zurück nicht alleine und gerieten so in Gefahr. In Heimen befinde sich der Türöffner deshalb oft in Kopfhöhe. Fahrstühle ließen sich nur durch Drücken von zwei Knöpfen starten.

Kranke können ihren Bewegungsdrang ausleben

„Innerhalb eines Demenzdorfs dürfen sich die Bewohner frei bewegen, wodurch sie ihren Bewegungsdrang ausleben können“, nennt der Doktorand einen Vorteil. In Heimen erhielten unruhige Kranke dagegen mitunter Medikamente oder würden sogar ans Bett fixiert. Über solche Missstände werde jedoch meistens nicht offen gesprochen.

Gesellschaftlicher Ausschluss von Kranken

„Kritisch gesehen wird zum Teil, dass Menschen mit Demenz ‚weggeschlossen’ werden“, sagt Doeubler. Das widerspreche dem Gedanken der Inklusion. „Muss eine humane Gesellschaft nicht solche Menschen akzeptieren und integrieren?“, fragt Privatdozent Schweda. Müssten sich nicht Angehörige und Nachbarn um Demenzkranke kümmern und nach ihnen schauen?

Frage der Zweiklassenmedizin

„Demenzdörfer sind personell besser ausgestattet als herkömmliche Einrichtungen“, spricht Doktorand Doeubler einen anderen heiklen Punkt an. Das mache die Unterbringung dort teurer. Die Mehrkosten könne sich nicht jeder leisten. Das werfe die Frage der Zweiklassenmedizin auf.

Zahl der Betroffenen steigt

„Die Zahl der Menschen mit Demenz steigt mit dem zunehmenden Durchschnittsalter der Bevölkerung stark an“, berichtet Schweda. Von den mehr als 85-Jährigen zeige jeder Dritte Symptome einer Demenz. Das stelle die sozialen Sicherungssysteme, aber auch die Pflegeeinrichtungen vor Herausforderungen. Vielfach gebe es Defizite. Das gelte auch für die Pflege zu Hause. Vor diesem Hintergrund seien neue Konzepte – wie das der Demenzdörfer – gefragt.

www.demenzdoerfer.uni-goettingen.de

Von Michael Caspar

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