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Göttingen Gregor Gysi: „Ihr seid mir zu artig“
Campus Göttingen Gregor Gysi: „Ihr seid mir zu artig“
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00:25 01.06.2018
Gregor Gysi im voll besetzten Hörsaal 011 des ZHG der Universität Göttingen. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

Aus seinen langen, manchmal ausufernden Antworten auf die Fragen von Sinan Özen und Katja Sonntag, die das Gespräch vor dem vollen Hörsaal führten, ließ sich vor allem herausziehen, dass internationalistische, keine nationalen Antworten gefunden werden müssten. „Wir habe jetzt eine Weltwirtschaft“, sagte Gysi. Konzerne und Banken organisierten sich weltweit, deshalb sei aus der sozialen Frage, die vorher eher eine nationale gewesen sei, eine Frage der Menschheit geworden.

Von den Linken erwarte er, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Aber gerade bei diesem Punkt – der Entscheidung zwischen einer nationalen oder einer internationalistischen Antwort – seien die Linken sehr gespalten. Als Beispiel für die Wichtigkeit einer internationalistischen Antwort nannte er die Vorstellung, dass Trump einen Handelskrieg gegen Europa beginne. Darauf würde nur eine europäische Antwort, keine der einzelnen Staaten Sinn machen.

Der Hörsaal war voll besetzt, einige Interessierte mussten draußen bleiben. Quelle: Christina Hinzmann

Das studentische Publikum folgte trotz der Hitze in dem Hörsaal. Der Einlass wurde bereits vor Beginn der Veranstaltung gestoppt, weil alle Plätze belegt waren – gebannt jedem Wort von Gysi. Den störte es nicht, dass er sich nicht an die Vorgaben von Özen und Sonntag hielt – an eine „Ja-oder-Nein-Antwort“ dachte er gar nicht. Durch mehrfache „Gregor“-Ansprache von Özen, der damit auf die nächste Frage kommen wollte, ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil: „Es geht nicht um die Zahl der Fragen, sondern den Inhalt der Antworten“, so seine Reaktion darauf.

Seine nicht ganz einfache Antwort auf den Umgang mit Flüchtlingen lautete: „Nur die Bekämpfung der Ursachen führt zu weniger Flüchtlingen.“ Eine Abschottung, wie sie von vielen angestrebt werde, löse kein einziges Problem. Von einer Obergrenze halte er nichts.

Zum Umgang mit rechten Parteien und Gruppierungen machte Gysi deutlich, dass er nichts davon halte, diesen entgegenzukommen, um beispielsweise Wähler zurückzugewinnen. „Wir müssen alternative, glaubwürdige, machbare Antworten finden“, so sein Gegenvorschlag. Auf Sonntags überspitzte Frage, ob man mit Rechten reden dürfe, antwortete er spitzbübisch: „Das kommt auf das Alter an.“ 16-Jährige Rechte gebe er noch nicht auf und versuche sie zu überzeugen, bei 56-Jährigen mache er das nicht.

Sowieso war der Unterschied zwischen Jung und Alt ein Thema, das immer wieder aufkam. „Ihr seid europäischer als meine Generation“, sprach Gysi das junge Publikum an. Die Europäische Union (EU) sei zwar in einem schlimmen Zustand – „unsolidarisch, undemokratisch, unsozial“, nennt Gysi sie -, dürfe aber trotzdem nicht kaputt gemacht, sondern müsse neu gestaltet werden. Er kritisierte aber auch die Jugend am Beispiel des Brexits, weil sie, obwohl sie gegen etwas sei, teilweise nicht für ihre Meinung stimme und wählen gehe.

Auch zum Abschied gab Gysi dem Publikum noch Kritik mit. Zwar bedankte er sich erst, dass die Studierenden sich internationalen Fragen widmeten, schloss dann aber mit den Worten: „Ihr seid mir zu artig, nicht rebellisch genug.“ Vielleicht hätte Student Özen wohl zu härteren Mitteln greifen müssen, um Gyzis Redefluss zu stoppen.

Info

Gregor Gysi wurde am 16. Januar 1948 in Berlin geboren. Der Jurist arbeitete ab 1971 als Rechtsanwalt in der DDR. Im Dezember 1989 übernahm er den Vorsitz der SED und sorgte dafür, dass die Partei nicht aufgelöst wurde. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass aus der SED über die PDS und den Zusammenschluss mit der WASG die heutige Partei Die Linke wurde.

Gysi sitzt seit 2005 (davor 1990 bis 2000) im Bundestag und war 2002 kurzzeitig bis zu einer Bonusmeilen-Affäre Wirtschaftssenator in Berlin. Seit 2016 ist Gysi Vorsitzender der Europäischen Linken. Der Berliner ist zweimal geschieden und hat drei Kinder.

Von Hannah Scheiwe

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