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Göttingen Hausbesetzung an der Baurat-Gerber-Straße abgebrochen
Campus Göttingen Hausbesetzung an der Baurat-Gerber-Straße abgebrochen
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15:43 18.10.2017
Das ehemalige Pädagogische Seminar an der Baurat-Gerber-Straße in Göttingen. Quelle: Brakemeier
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Göttingen

Hintergrund der Aktion sei „die miserable Lage“ des Göttinger Wohnungsmarktes“ gewesen, „die Studierende und Geringverdiener verstärkt aus der Innenstadt verdrängt, teilte das Bündnis in einer Presseerklärung mit. Das ehemalige Universitätsgebäude an der Baurat-Gerber-Straße sei 2014 an einen Investor verkauft worden und stehe seitdem „ohne jegliche Nutzung leer“. Laura Eschbach, Pressesprecherin des Bündnisses, erklärte dazu: „Dieser Zustand ist nicht akzeptabel. Das Ziel der Besetzung war es, die Rekommunalisierung der Baurat-Gerber-Straße 4/6 und ihre Umwandlung in bezahlbaren Wohnraum zu fordern.“

Hoffen auf „sozial verträglichen und bezahlbaren Wohnraum“

Nachdem Mitglieder des Bündnisses allerdings mit anwesenden Handwerkern gesprochen hätten, hätten sie das Versprechen erhalten, „dass bald Wohnraum für Studierende dort eingerichtet werden würde“, hieß es weiter. Daraufhin habe das „Bündnis Besser Wohnen“ auf eine Besetzung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes verzichtet. „Wir hoffen, dass in dem Gebäude tatsächlich zeitnah sozial verträglicher und bezahlbarer Wohnraum wie versprochen eingerichtet wird. Auch Menschen, denen es an finanziellen Mitteln mangelt, haben ein Recht auf zentrales Wohnen“, so Eschbach.

„Räume erkämpfen“: Graffiti am Tor der Villa. Quelle: Brakemeier

Die Göttinger Polizei, die gegen 9.45 Uhr von den Handwerkern alarmiert wurde und mit mehreren Streifen- und Mannschaftswagen anrückte, hat nach Anzeige des Hausbesitzers ein Ermittlungsverfahren wegen schweren Hausfriedensbruchs gegen Unbekannt eingeleitet. Beim Eintreffen der Polizei sei von den Bündnis-Anhänger niemand mehr vor Ort gewesen, sagte Polizeisprecher Christian Janzen. Von zwei Männern, die von den Beamten in der näheren Umgebung aufgegriffen wurden, seien die Personalien aufgenommen worden. Ob sie an der versuchten Besetzung beteiligt waren, müssten nun die Ermittlungen zeigen, sagt Janzen.

„Filetstück“ in Göttingen

Im Januar 2014 hatte der Göttinger Unternehmer Michael Krocker das Haus für 2,3 Millionen Euro vom Land Niedersachsen gekauft. Ohne irgendwelche Nutzungsideen für das knapp 3300 Quadratmeter große Grundstück, die Villa und deren Nebengebäude mit zusammen fast 1400 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche zu haben. Er habe sich zunächst das „Filetstück“ in seiner Heimatstadt sichern wollen, sagte Krocker damals gegenüber dem Tageblatt.

Inzwischen tut sich etwas auf dem Gelände. Handwerker sanieren das 1949 gebaute Hinterhaus. Das Dach sei inzwischen komplett neu gedeckt. Zum Sommersemester 2018 soll das Haus bezugsfertig sein. Platz für Studentenwohnungen soll es dann bieten, kündigt Krocker an. Im „Nachgang“ soll dann die Villa saniert werden. Auch dort sollen Studetenwohnungen entstehen.

Die Stadtverwaltung steht mit Krocker in Kontakt, wie Sprecher Detlef Johannson mitteilt. „Wir würden es begrüßen, wenn sich eine Wohnnutzung dort realisieren ließe“, sagte Johannson.

Haus eines Tuchfabrikanten

Die freistehende Villa wurde laut damaligen Verkaufsexposé 1910 als Wohnhaus von Hermann Bartold Levin, einem Sohn des Göttinger Tuchfabrikanten Hermann Albert Levin, gebaut. Heute steht die Villa, im Gegensatz zum Hinterhaus, unter Denkmalschutz.

Bei der Umwandlung der Göttinger Universität in eine Stiftungsuni war das Gebäude im Besitz des Landes geblieben. Das dort jahrelang ansässige Pädagogische Seminar zog 2013 komplett in den Waldweg 26. Seitdem steht das Haus leer. Im Zuge eines Ringtausches, der durch den Neubau des Kulturwissenschaftlichen Zentrums ausgelöst wurde, hat die Uni das Landesgebäude räumen müssen.

Überlegungen seitens der Uni, das Gebäude angesichts steigender Studierendenzahlen als provisorische Unterkunft zur Verfügung zu stellen, hatte es nicht gegeben. Der schnelle Verkauf des Hauses stand für das Land Niedersachsen im Vordergrund.

„Tolpatschiger Verkauf“ an einen an einen „unerfahrenen Investor“

Als „Problemfall“ hatte der damalige Vorsitzende des SPD-Orstvereins Göttingen-Ost, Klaus Wettig, den Leerstand des ehemaligen Pädagogischen Seminars in der Baurat-Gerber-Straße 4-6 bezeichnet. Ein „tolpatschiger Verkauf“ des Landesliegenschftsfonds an einen „unerfahrenen Investor“ habe dazu geführt, sagte Wettig 2015.

Für Wettig handelt es sich bei dem Haus um eine „attraktive Immobilie, die zu Recht unter Denkmalschutz“ stehe. „Die Größe des Grundstücks erlaubt außerdem Erweiterungen, die im Interesse der Stadtentwicklung liegen, die wegen der Nähe zur Innenstadt Verdichtung wünscht“, sagte Wettig. Er fürchtete „eine jahrelange Hängepartie wie beim Hainholzhof am Kehr“. Dort steht seit Jahren das ebenfalls denkmalgeschützte, ehemalige Gasthaus leer.

Im Herbst 2015 hatte die Stadtverwaltung das Haus als mögliche Unterkunft für Geflüchtete begutachtet und Krocker kontaktiert.

Von Michael Brakemeier und Andreas Fuhrmann

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