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Heike Behlmer bei Jahresfeier der Akademie der Wissenschaften Göttingen

Diskriminiere Minderheit Heike Behlmer bei Jahresfeier der Akademie der Wissenschaften Göttingen

Offiziell herrscht eine „Rhetorik der Brüderlichkeit“, de facto aber werden die koptischen Christen in Ägypten diskriminiert. Das hat Prof. Heike Behlmer, die an der Universität Göttingen Ägyptologie und Koptologie lehrt, berichtet. Sie hielt während der Jahresfeier der Akademie der Wissenschaften in der Aula am Wilhelmsplatz den Festvortrag. Übergriffe gegen Kopten, sagt Behlmer, würden vom Staat selten bestraft.

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Nach Ausschreitungen 2013: Trauerfeier in der Kairoer Markuskathedrale für vier getötete Kopten.

Göttingen. Trotzdem beklagten sich die Kopten nicht, stellte die Professorin fest. Unter dem Muslimbruder Mohammed Mursi, den das Militär 2013 gestürzt hätte, sei es nach Einschätzung der Christen schlimmer gewesen.

Damals habe es Rufe nach Wiedereinführung der diskriminierenden Dschizya-Steuer gegeben, die die Kopten jahrhundertelang hätten zahlen müssen. Und in Syrien und dem Irak, wo es ebenfalls sehr alte christliche Kirchen gebe, versuchten islamistische Gruppen das Land von „Ungläubigen“ zu „reinigen“.

„In den vergangenen 50 Jahren sind viele Kopten ausgewandert“, sagte die Wissenschaftlerin. Allein seit 2011 hätten 100 000 Christen das Land verlassen. Die meisten seien in die USA, nach Kanada und Australien gegangen. In Deutschland lebten heute 10 000 Kopten. Noch immer sei die koptische Kirche die größte christliche Gemeinschaft im Nahen Osten.

„Nach koptischer Überlieferung ist die Kirche Mitte des ersten Jahrhunderts vom Apostel Markus gegründet worden“, führte Behlmer aus. Über das Leben der Christen in den ersten beiden Jahrhunderten in der damals römischen Provinz sei wenig bekannt. Zu Beginn des vierten Jahrhunderts habe Kaiser Diokletian die Christen verfolgen lassen. Bis heute würden sich die Kopten als Angehörige einer Märtyrerkirche begreifen.

Gewicht des Mönchtums

Eine zweite Besonderheit ist nach Behlmer das starke Gewicht des Mönchtums. Diese Lebensform sei in Ägypten entstanden, erläuterte sie. Antonius habe das Eremitenwesen, Pachomios die klösterliche Gemeinschaft geprägt. Vom Nil aus hätten sich diese Ideen in der christlichen Welt verbreitet. Die koptische Kirche rekrutiere seit Jahrhunderten ihre Bischöfe ausschließlich aus den Reihen der Mönche.

Die Ägyptologin ging auf die Auseinandersetzungen ein, die es in den ersten Jahrhunderten nach der Erhebung des Christentum zur Staatsreligion um die wahre Lehre gegeben hat. Die koptische Kirche sei damals in Abgrenzung zur Reichskirche entstanden. Deren Zugriff seien die Kopten mit der muslimischen Eroberung des Landes im siebten Jahrhundert entzogen worden. Während der Kreuzzüge hätten die Kopten Distanz zu den europäischen „Häretikern“ gehalten.

Doch auch die Beziehungen zu den Muslimen gestalteten sich nach Darstellung der Wissenschaftlerin für die Kopten nicht einfach. Aufgrund von Diskriminierungen, hoher Steuerlast und sporadischer Verfolgungen seien Gläubige zum Islam konvertiert. So habe sich im Laufe der Jahrhunderte ein christliches in ein muslimisches Land gewandelt.

Hoffnungen der Kopten, dass sie im Zuge der Modernisierung zu gleichberechtigten Bürgern eines säkularen Staates würden, hätten sich nicht erfüllt.

Von Michael Caspar

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