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Göttingen Heinrich Detering stellt Märchen und ihre Gegenentwürfe vor
Campus Göttingen Heinrich Detering stellt Märchen und ihre Gegenentwürfe vor
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00:19 28.04.2013
„Butt im Griff“: Seit 2004 steht die von Günter Grass geschaffene Skulptur an der Paulinerkirche. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Dabei soll, so Prof. Heinrich Detering bei seiner Eröffnungsvorlesung in der vollbesetzten Universitätsaula, „Unbekanntes ins Zentrum“ gerückt werden, ein „neuer, erfrischender Blick“ auf das Schaffen der Brüder Grimm geworfen werden.

Deterings Vorlesung hat „Märchen gegen Grimm“ zum Thema. Dabei untersucht der Literaturwissenschaftler Texte, die auf Grimms Märchen Bezug nehmen. Sein kenntnisreicher, brillant vorgetragener Siebenmeilenstiefel-Parcours durch die Kulturgeschichte reicht von Georg Büchners „Woyzeck“ (1836) bis zu Bob Dylans Song „Under the Red Sky“ aus dem Jahr 1990.

Heinrich Detering

Bisweilen verblüffend sind die Verbindungen, die Detering zwischen den Märchen und ihren späteren Gegenentwürfen aufspürt. In Büchners „Woyzeck“ erzählt die Großmutter ein Märchen, das mit den Worten beginnt „Es war eimal ein arm Kind und hat kei Vater und kei Mutter war Alles todt und war Niemand mehr auf der Welt.“

Dieser Text ist, so Detering, „eine grausig nihilistische Widerlegung vom ,Stern­taler‘“. Der Grimmsche Butzenscheiben-Ton wird parodiert – die Großmutter weiß nur von Elend und Trauer zu berichten. Vom Lohn der guten Tat, den das Sterntaler-Mädchen empfängt, ist hier nicht mehr die Rede: „Himmel und Hölle sind nicht zu unterscheiden.“

„Im Erzählakt in Sicherheit gebracht“

Theodor Storms Märchen „Der kleine Häwelmann“ (1849/50) gehört, so Detering, zu den Gegenentwürfen. Der Häwelmann – damit ist ein Hätschelkind gemeint – kommt von der Erde in den Himmel, wo er Mond und Sonne begegnet, aber ebenso wie das Büchnersche Kind allein bleibt. Es wird ein leerer, stockfinsterer Himmel gezeichnet, der auf Nietzsches Aussage „Gott ist tot“ (1882) verweist.

Wir sind gottlos, verlassen, ganz allein. Immerhin hat das Stormsche Märchen am Ende doch noch einen tröstlichen Ausgang. Die Kinderfrage „Und dann?“ beantwortet der Erzähler: „Wenn ich und du nicht gekommen wären und den kleinen Häwelmann in unser Boot genommen hätten, so hätte er doch leicht ertrinken können!“ So wird das Kind „im Erzählakt in Sicherheit gebracht“.

Im 20. Jahrhundert sind neben den Parodien auf Grimmsche Märchen, wie sie vor allem im Gefolge der 1968-er Jahre aufkamen – etwa „Wer hat Dornröschen wachgeküsst?“ von Iring Fetcher (1972) – mehrere Romane erschienen, die deutliche Bezüge zur Grimmschen Märchenwelt aufweisen.

Detering nennt hier Thomas Manns „Zauberberg“ (1924), in dem Motive aus „Schneewittchen“ zu finden sind, daneben ein auffallend häufiges Vorkommen der märchentypischen Zahl sieben.

So dauert der anfangs auf sieben Monate terminierten Aufenthalt Hans Castorps im Sanatorium Berghof sieben Jahre. Der Roman hat sieben Kapitel, eine der Hauptfiguren heißt Settembrini. Neben Märchenmotiven und Märchenzahlen ist es auch die märchenhafte Erzählweise von Mann, die diesen Roman in die Nähe des Märchens rückt.

Auch Franz Kafka schreibt in seinen Geschichten Grimms Märchen fort. Wenn Gregor in „Die Verwandlung“ (1915) zu einem Insekt mutiert, wundert sich niemand, weder die Hauptperson noch die Familie, über diese Verwandlung: „Die Frage stellt sich nicht – wie im Märchen“. Gregor stirbt, weil sein Vater einen Apfel nach ihm wirft – auch dies ein Schneewittchen-Motiv.

Ein besonderes Echo finden Grimms Märchen, wie Detering ausführt, in den Romanen von Günter Grass. „Die Blechtrommel“ (1959) beschreibt Detering als eine „solidarische Fortschreibung“ des Grimmschen Märchens „Daumesdick“, wobei Grass das Märchen adaptiert und aktualisiert, allerdings „ganz und gar antiromantisch garstig“.

Die „gewaltige Wirkung“ der Märchen

Den Roman „Der Butt“ hat Grass als Märchenroman kenntlich gemacht und erzählt darin eine Weltgeschichte von der Steinzeit bis 1977. Der Bezug auf „Der Fischer und syne Fru“ ist eindeutig, auch wenn Grass einwendet: „Nein, nein, Ilsebill, bestimmt rede ich nicht dem Schummel­märchen nach“.

Märchenbezüge zu Hauf finden sich in „Die Rättin“ (1986), ebenso in „Totes Holz“ (1990), durch das die Grimms in Person ziehen. Das jüngste Prosawerk von Grass stellt schon im Titel „Grimms Wörter“ ausdrücklich die Verbindung zu dem Brüderpaar her.

In den USA ist das Grimm-Märchen „Schneewittchen“ Grundlage des ersten abendfüllenden Zeichentrickfilms von Walt Disney („Snow White and the Seven Dwarfs“ 1937). Die „gewaltige Wirkung“ der Märchen auf die amerikanische Popkultur zeigt sich auch in den Songs von Bob Dylan.

„Like a Rolling Stone“ (1965) beginnt mit der märchentypischen „Es war einmal“-Formel („Once upon a time you dressed so fine“). Die Hauptperson ist die Prinzessin, die ganz tief fällt, die ganz arm, ganz unten ist, eine Anti-Cinderella. Den Song „Under the Red Sky“ (1990) interpretiert Detering als Anspielung auf „Hänsel und Gretel“ und den „Mann im Mond“. Hier lasse Dylan „das Goldene Zeitalter“ des Grimmschen Märchens „lautlos implodieren“.

Am Dienstag, 30. April, spricht Prof. Kaspar H. Spinner, Augsburg, zum Thema „Der Wolf und die sieben Geißlein – von der ­Fabel zum Märchen“: um 18.15 Uhr in der Aula der Universität, Wilhelmsplatz 1.

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