Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
„Hier wird mit Angst gearbeitet“

Pisa-Studien „Hier wird mit Angst gearbeitet“

Die Bewertung der PISA-Studie und daraus erwachsender Maßnahmen waren Thema von Prof. Ina Karg in ihrem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Wissenszukunft – Zukunftswissen" in der Paulinerkirche. Dass die Professorin für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur am Seminar für Deutsche Philologie eine durchaus kritische Haltung gegenüber den üblichen Auslegungen der PISA-Studie einnimmt, wird nicht nur an ihrem Vortragstitel deutlich: „Texte und Textverstehen als Bildungskomponenten. Diskurs um eine so genannte Basiskompetenz.“

Auch der Titel ihres im Jahr 2005 im Göttinger Verlag „Vandenhoeck  und Ruprecht“ erschienenen Buches „Mythos PISA“ mag als Hinweis darauf gelten.

Lesen werde in der Studie als Basiskompetenz definiert, was bedeute, dass Lesen die Grundlage von Bildung sei. „Die Lesefähigkeit wird nun in der PISA-Studie dadurch getestet, dass Fragen zu den Texten beantwortet werden müssen.“ Die Texte sollen, so die PISA-Definition, dem Alltagskontext entstammen. 

Wie sportlicher Wettkampf

Dabei werde unter anderem mit einem Text auf einem australischen Garantieschein für eine Kamera gearbeitet, der auf der australischen Rechtssprechung zu Herstellergarantien aufbaut. Das bedeute auch, dass deutschen Lesern der Kontext fehlt. Hierzulande müsse der Hersteller eine Mindestgarantie geben, die automatisch ab Kaufdatum gelte, auch ohne dass der Käufer den Garantieschein beim Hersteller einreicht.

Neben dieser und weiterer Kritik am Testverfahren selbst, bemängelt Karg jedoch insbesondere die Art und Weise, wie in der deutschen Öffentlichkeit damit umgegangen worden sei und werde. Bei der Bewertung der Ergebnisse spielen zwei Aspekte eine wesentliche Rolle: „Zahlen gelten in einem System des Wertepluralismus als uneingeschränkt objektiv. Und die PISA-Zahlen wurden und werden als wissenschaftliche Ergebnisse vorgestellt.“ 

Außerdem greifen dabei, so Karg, zwei Muster: „Die PISA-Studie wird in der Öffentlichkeit wie ein sportlicher Wettkampf mit nationalem Akzent gesehen. Die Präsentation erfolgt analog einer Sport-Ergebnistabelle.“ Außerdem neigen wir zu Skandalisierung und Katastrophenszenarien. Dies werde an Begrifflichkeiten wie PISA-Schock, PISA-Debakel oder Bildungskrise deutlich. „Hier wird mit Angst gearbeitet, die auf den Zusammenhang zwischen Bildungsqualität und wirtschaftlichen Erfolg abzielt.“ Habe eine Nation einen niedrigen Rang in der Bildungsliga, werde ihr auch wirtschaftlich wenig zugetraut. 

Test- und Trainingskultur

Der Diskurs um das schlechte PISA-Abschneiden Deutschlands habe eine umfangreiche Test- und Trainingskultur ausgelöst. Es wird gezielt für die nächste PISA-Studie gelernt. Lehrer erhalten Fortbildungen, wie sie ihre Schüler am besten vorbereiten – auf PISA. „Im Alltag liest man Texte jedoch ohne Textaufgaben", gibt Karg zu bedenken. Durch Lesen der ersten Seite bilde sich ein Wissen, vor dessen Hintergrund die Folgeseiten eingeordnet und bewertet werden können. 

Dieser Prozess setze sich durch den gesamten Text fort. Es entstehen Erwartungshaltungen und Vorwissen für die nachfolgenden Kapitel. „Und liest man den Text nach vielen Jahren erneut, so wird man ihn vor dem Hintergrund der eigenen Weiterentwicklung anders wahrnehmen.“ Im PISA-Test werde hingegen kein kontextabhängiges Gesamtverständnis erfragt, sondern Einzelheiten, die Schritt für Schritt der Handlung folgen, ergänzt durch Beurteilungsfragen oder der Frage nach der Textgattung. 

Die Vortragsreihe wird am Donnerstag, 14. Mai, fortgesetzt mit dem Vortrag „Der Diskurs über die Gentechnik“ von Prof. Peter-Tobias Stoll, um 18.15 Uhr in der Paulinerkirche, Papendiek 14. 

                                                                                                                   Von Heike Jordan

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Göttingen

Spannende Ausbildungsplätze in Deiner Region warten auf Dich. Starte jetzt durch mit azubify ! mehr

Amnesty-Protest auf dem Campus