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Historiker diskutieren in Göttingen über Enteignung

Eigentümer und Besitzer Historiker diskutieren in Göttingen über Enteignung

Um die „Eigentumsfrage zwischen Enteignung und ,Wiedergutmachung‘ vor und nach 1989 ging es beim Historikertag am Mittwoch, 24. september. Fünf Referate standen auf dem Programm. Henrik Bispinck, Mitarbeiter beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, untersuchte Enteignung als Ursache und Folge von Flucht und Abwanderung aus der DDR.

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Diskussion über Enteignung: Henrik Bispinck und Udo Grashoff.

Quelle: el

Göttingen. Über das sogenannte Schwarzwohnen in der DDR sprach der jetzt in London lebende Leipziger Historiker Udo Grashoff. Mit dem Prinzip Rückgabe vor Entschädigung befasste sich der Gothaer Jurist Robert Klüsener, der einschlägige Verwaltungserfahrungen auf diesem Gebiet mitbringt.

Die beiden weiteren Referate der Historikerinnen Kerstin Brückweh (Tübingen/Trier) und Ines Langelüddecke (Hamburg) waren Fallstudien, an denen Schicksale und Geschichten von Enteignung und „Wiedergutmachung“ vorgeführt wurden.

Alle Referate machten die politisch, juristisch und menschlich ziemlich komplizierten Zeiten der Wiedervereinigung wieder lebendig. Dabei wurden auch Sachverhalte beleuchtet, die vielen Zeitzeugen nicht mehr im Gedächtnis haften geblieben sind – etwa den von Bispinck geschilderten Umstand, dass DDR-Flüchtlinge in der Bundesrepublik erst sehr spät Mittel aus dem Lastenausgleich erhielten.

Der Grund: Bis zum Mauerbau galt noch die Hoffnung auf Wiedervereinigung, insofern wurden die DDR-Flüchtlinge rechtlich nicht mit den Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten gleichgestellt.

Schwarzwohnen in der DDR

Grashof erläuterte das Phänomen des Schwarzwohnens in der DDR: In den späten 70er-Jahren brachen vorwiegend junge DDR-Bürger ohne Chance auf eine offizielle Wohnungszuweisung leerstehende Wohnungen auf, um dort zwar illegal, aber doch weitgehend mit behördlicher Duldung zu wohnen. Das konnte, so Grashof, mit einer Geldstrafe belegt werden.

Wer die aber bezahlt hatte, durfte in den meisten Fällen in der Wohnung bleiben. Zu den prominentesten Schwarzwoh­nern gehörte Angela Merkel, die nach ihrer Scheidung 1982 sonst weiter mit ihrem Mann hätte zusammenleben müssen. Schwarzwohnen, präzisierte Grashof, war kein Angriff auf die Staatsmacht, sondern bewies die schwache Position der staatlichen Wohnungslenkung.

Klüsener untersuchte in seinen Überlegungen zum Prinzip Rückgabe vor Entschädigung mögliche Alternativen wie etwa eine Totalrestituierung des Besitzstandes von 1945, also vor der Bodenreform, oder zum Zeitpunkt der Gründung der DDR 1949. Aber solche Strategien hätten – ebenso wie das Prinzip Entschädigung vor Rückgabe – sowohl rechtlich als auch politisch üble Folgen gehabt.

Zwar seien in der Praxis nur etwa 45 Prozent aller Fälle mit der Rückgabe von Eigentum abgeschlossen worden, die Entschädigungsfälle hätten mit 55 Prozent überwogen.

Umgang der Machthaber mit privatem Eigentum

Den Ort Waldhausen hatte Brückweh für ihre Forschungen ausgewählt, weil sich an einzelnen Familien der Umgang der Machthaber mit privatem Eigentum in vielfältiger Weise belegen lässt. Schon in der Nazizeit gab es Enteignung, weil der Alteigentümer dieser Siedlung als Jude von den Nazis verfolgt wurde.

Als in der Zeit nach 1945 auch viele Bürger Waldhausens in den Westen flohen, wurden deren Häuser zum Teil enteignet, zum Teil von Treuhändern übernommen. Ein jüdischer Bewohner Waldhausens floh aus der DDR, um dem wachsenden Antisemitismus zu entkommen. In sein Haus zog die Rektorin der Parteihochschule der SED ein.

1990 wurden 1150 Anträge auf Aufhebung der staatlichen Verwaltung, 2000 Anträge auf die Rückübertragung von Grundstücken gestellt.

Zusammenleben ohne größere Konflikte

Um das Verhältnis der Dorfbewohner zu dem adligen Gutsherrn, der nach der Wende seinen früheren Besitz von der Treuhand zurückgekauft hatte, ging es in Langelüddeckes Schlussbeitrag. Vor allem der Umstand, dass der zu DDR-Zeiten zugängliche Park vom heutigen Besitzer eingezäunt worden ist, sorgt im Dorf für Unmut.

Auch wenn der Gutsherr und die Dorfbewohner „getrennte Deutungsmuster“ der bestehenden Verhältnisse hätten, sei ein Zusammenleben ohne größere Konflikte möglich.

In seinem Kommentar stellte der Kölner Historiker Ralph Jessen fest, 1990 sei die „Eigentümergesellschaft West auf die Besitzergesellschaft Ost“ gestoßen. Daran hätten sich die Probleme entzündet. In der Schlussdiskussion wurde gefordert, Untersuchungen dieser Art auch in anderen Umbruch-Regionen anzustellen, etwa in Tschechien, Polen und anderen Staaten.

Von Michael Schäfer

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