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Idealtypische Menschen und Städte

Forschung Idealtypische Menschen und Städte

Im Rahmen der Tagung „Mittelstadt – Urbanes Leben jenseits der Metropole“ sprach Prof. Rolf Lindner über idealtypische Menschen und Städte. Unter dem Titel „Maß und Mitte: Middletown Revisited“ skizzierte der Berliner Ethnologe eine Stadtforschung, die nach dem „Habitus der Stadt“ fragt.

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Idealtypische Landschaften: Vorstellungswelten von Modellbauern in Analogie zu Mittelstädten.

Quelle: dpa

Der Modellbauer ist ein Tüftler, er legt großen Wert auf das richtige Maß: Homogen und maßstabsgetreu soll es sein, das kleine Städtchen mit Modelleisenbahn, Miniaturbahnhof, Gleis A und Gleis B, der zweispurigen Hauptstraße und den schmucken Häuserfassaden im Hintergrund. Bei der Einfahrt in ein solches Städtchen sehen die bunten Plastikfamilien in den allermeisten Fällen einen Namen am Bahnhofsgebäude prangen: Mittelstadt. 

Nicht ohne Ironie zieht Prof.  Rolf Lindner von der Humboldt-Universität zu Berlin den Faden vom kleinbürgerlichen Modellbauer zur mittelstädtischen Lebenswelt. Wie der Modellbauer, so sei auch die Mittelstadt idealtypisch. In ihr wohnt die Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands, in Grüppchen von je 50000 bis 250000 Einwohnern. Sie ist nicht zu groß und nicht zu klein, nicht zu laut und nicht zu leise, eben in jeder Hinsicht die goldene Mitte.

Nicht nur die Konsumforschung hat diese repräsentativen Städtchen für sich entdeckt. Schon in der 1929 erschienenen Feldstudie „Middletown“ beschrieben amerikanische Forscher am Beispiel einer solchen Mittelstadt den „American Way of Life“. Dass dabei das weiße, Englisch sprechende, protestantische Amerika als Idealtyp gesetzt wurde, hat nicht nur mit der gezielten Auswahl der Stadt zu tun: Die Studie blendete den afroamerikanischen Teil der Bevölkerung ebenso aus wie die jüdische Gemeinde.

Qualitative Untersuchung

In der Stadtforschung hierzulande klafft zwischen der Erforschung dörflicher und großstädtischer Lebensformen eine Lücke. Der Begriff „Mittelstadt“ beruht bislang auf statistischen Berechnungen, eine qualitative Bestimmung steht noch aus. Ginge es nach Lindner, so könnte diese Bestimmung noch eine ganze Weile ausstehen. Denn warum qualitative Gemeinsamkeiten aller Mittelstädte postulieren? Den Idealtypus der idealtypischen Stadt? So wenig der Modellbauer auf eine Handvoll Eigenschaften reduzibel ist, so wenig ist es eine Stadt – und sei es eine Mittelstadt. 

Jede Stadt ist anders, hat einen eigenen Charakter, eine eigene Gefühlsstruktur. Nach einem solchen „Habitus der Stadt“ solle die Stadtforschung fragen. Denn nur so sei etwa zu erklären, warum strukturell ähnliche Städte mitunter ganz verschieden auf sozialen Wandel reagieren, warum Prozesse der De-Industrialisierung oder der Globalisierung ganz unterschiedliche, stadtspezifische Antworten affizieren. Mittelstädte sind Mikrokosmen, mit Mikrokulturen und einer jeweils eigenen Logik. Oder wie es Lindner in Anspielung auf Sartre auf den Punkt bringt: „Göttingen mag eine Mittelstadt sein, aber nicht jede Mittelstadt ist Göttingen.“

                                                                                                                                     Von Christian Volmari

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