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Ingenieurausbildung in Göttingen: Gerd Litfin erhält HAWK-Preis für seine Initiative

Feines Werk der Ausbildung Ingenieurausbildung in Göttingen: Gerd Litfin erhält HAWK-Preis für seine Initiative

Die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim zeichnet am 10. Juni Prof. Gerd Litfin (66) mit dem HAWK-Preis aus. Der Göttinger Physiker und Unternehmer erhält die Auszeichnung für seinen Einsatz, in Göttingen eine Ausbildung für Ingenieure zu etablieren und diese über Jahrzehnte engagiert zu begleiten.

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Unternehmergeist für die Ingenieurausbildung bewiesen: Gerd Litfin.

Quelle: CR

Was war der Grund dafür, dass Sie vor mehr als 25 Jahren sich dafür einsetzten, dass in Göttingen Ingenieure ausgebildet werden?
Der Grund war ein erhebliches Defizit an Ingenieuren vor Ort. Die Unternehmen hier stellten damals fest, dass etwa 500 Stellen akut oder in nächster Zukunft unbesetzt bleiben.

 
War das ein lokales Problem oder ein bundesweites?
In Göttingen gab es keine Ingenieurausbildung. Damals wurden Feinwerktechnik und Optikingenieure in Norddeutschland in Lübeck und Wilhelmshaven ausgebildet. Während einige der Absolventen dort bleiben wollten, zog es an Göttingen vorbei nach München oder Stuttgart. Hier hatten die Firmen Mahr, Sartorius, Zeiss oder Spindler und Hoyer das Nachsehen. Meine Idee war, das Problem hier durch die Gründung einer Ausbildungsstätte für Physik-, Mess- und Feinwerktechnik zu lösen. Zusammen mit Ernst Ruhstrat von der Firma Ruhstrat, Ewald Gevert von Fischer und Porter und Professor Herbert Freyhardt von der Universität Göttingen habe ich diese Idee dann verfolgt. 

 
Und die wurde schnell Wirklichkeit?
Die ersten Versuche brachten nichts. Die damalige CDU-Finanzministerin Birgit Breuel zeigte sich wenig verhandlungsbereit. Sie war der Überzeugung, dass die Finanzierung Sache der Unternehmen sei. Nach dem Regierungswechsel erhielt das Projekt Unterstützung von Wissenschaftsministerin Helga Schuchardt, die ich beim Jubiläumsfest des Deutschen Theaters kennenlernte und über das Vorhaben noch beim Festakt zum hundertjährigen DT-Bestehen informierte. Das war 1990.

 
Und dann kam die HAWK, die damals noch Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen hieß, ins Spiel?
Nein, die war schon im Spiel. Der damalige Tageblatt-Redakteur Michael Bockemühl hatte über die Pläne der Fachhochschule berichtet, deren Angebot um einen Fachbereich Maschinenbau zu erweitern. Das gab den Ausschlag für den Kontakt zu Prof. Klaus Below, dem Rektor der Fachhochschule in Hildesheimern.

 
Und die waren auch sofort für Göttingen als Standort?
Überzeugungsarbeit musste schon geleistet werden. Aber unsere Argumente für Göttingen waren einleuchtend. Denn hier waren Unternehmen, die eine praxisnahe Ausbildung unterstützten und das auch heute noch tun. Hier konnte sich der Praxisverbund bewähren: Die Praxisverbundstudenten machen parallel ein Facharbeiterausbildung und sind bereits während des Studiums in den Betrieben an Projekten beteiligt. Viele der Absolventen werden oft noch vor dem Studienabschluss von den betreuenden Unternehmen eingestellt. Auch deshalb ist der Fachbereich, der heute Fakultät N - Naturwissenschaften und Technik heißt -, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und für die Stadt von großer Bedeutung. 

 
Heute aber ist die HAWK-Fakultät N auf den Zietenterrassen untergebracht. Wie entwickelte sich das?
Der Abzug der Bundeswehr brachte diese Veränderung. Der Fachbereich übernahm eine Kaserne und die in Bau befindliche Bundeswehr-Kantine. Zusätzlich entstand der Neubau an der Von-Ossietzky-Straße. Das Vorhaben wurde vom Niedersächsischen Wissenschaftsministerium finanziert. Später kam ein weiterer Bau für den Studiengang Präzisionsfertigungstechnik dazu, dessen Einrichtung nahezu vollständig von der Industrie geliefert oder über den Förderverein finanziert. Damals wie heute setzt sich der Förderverein, der von Anfang an besteht, mit Geld- und Sachspenden für die ­Belange der Ingenieurausbildung ein, wenn aus den Mitteln der Hochschule Geräte nicht finanziert werden können.

 
Herrscht heute noch ein Mangel an Ingenieuren in Göttingen?
Gleich nach der Wende zu Beginn der 1990er-Jahre hatten wir eine Zeitlang ein Überangebot an Ingenieuren in der Region. Im Moment sind Ingenieure wieder knapp, aber die Fakultät  hilft uns recht gut, den Bedarf zu decken.

 
700 Studierende in sieben Studiengängen hat die Fakultät heute. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?
Die Fakultät hat sich außerordentlich positiv entwickelt und die Perspektive ist weiterhin sehr gut. Ich bin heute glücklich über dieses Ausbildungsangebot, über dessen gutes Ansehen in Fachkreisen und auch daüber, dass die Fakultät N seit 1997 in einem Neubau auf den Zietenterrassen einen angemessenen Standort gefunden hat. Die Ausbildung ist, auch weil sie eng an die Unternehmen angebunden ist, immer auf aktuellstem Stand. Besser kann es für alle Beteiligten gar nicht sein.

 

 Interview: Angela Brünjes

Zur Person: Gerd Liftin

Gerd Litfin wird mit dem HAWK-Preis der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet. Als Professor für Physik an der Universität Hannover und Göttinger Unternehmer war der 1948 geborene Litfin maßgeblich an der Gründung der Fakultät Naturwissenschaften und Technik der HAWK beteiligt. Unter seiner Federführung entstanden die Studiengänge Wirtschaftsingenieurwesen, Präzisionsfertigungstechnik und der Masterstudiengang Optical Engineering/Photonics. Als Herausgeber des Buches „Technische Optik in der Praxis“, leistet Litfin einen zusätzlichen Beitrag zur Aus- und Weiterbildung von Studierenden und Ingenieuren. Zur Ausbildung von Feinoptikern gründete er gemeinsam mit der Firma Zeiss in Göttingen die „Ausbildungszentrum Optische Technologien GmbH“ (AOT), die ihre Aktivitäten in Räumen der Fachhochschule durchführt.

 
Der Physiker zählt auch zu den Gründungsmitgliedern des Göttinger Laser Laboratoriums (LLG) und der Initiative „Deutsche Agenda Optische Technologien für das 21. Jahrhundert“. Von 2008 bis 2010 war Litfin Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Mit seiner Ehefrau Susanne gründete Litfin im Jahr 2006 die „Litfin-Stiftung“, die innovative Projekte in Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, Bildung und Erziehung sowie Kirche und Sozialeinrichtungen vor in der Region Göttingen unterstützt. jes

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