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Internationale Tatort-Tagung

Voträge in der Paulinerkirche Internationale Tatort-Tagung

Krimiserie in der ARD.  Dauerbrenner mit sechs Buchstaben seit 42 Jahren: „Tatort“. 890 Folgen sind mittlerweile ausgestrahlt worden. Kaum ein Tag, an dem nicht auf irgendeinem der Kanäle ein Tatort läuft, an manchen Tagen sind es bis zu fünf. Da wurde es Zeit, dass auch die Wissenschaft sich diesem Phänomen widmet.

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Quelle: ARD

Göttingen. Magisterarbeiten, Dissertationen und Untersuchungen aller Art gibt es schon. Eine Internationale Tagung allerdings, die sich der ARD-Reihe Tatort „im fernseh- und gesellschaftlichen Kontext“ widmet, hat nun erstmals stattgefunden: An der Göttinger Georg-August-Universität, organisiert von Prof. Claudia Stockinger und Dr. Christian Hißnauer (beide Göttingen) sowie Prof. Stefan Scherer (Karlsruhe). „Zwischen Serie und Werk“.

„Kanon der deutschen Fernsehgeschichte“

Behandelt werden sollte, so die Einführung, eine Serie, die als „Kanon der deutschen Fernsehgeschichte“ gilt, als Archiv der Gegenwartsgeschichte, als populäres Gedächtnis unserer Gegenwarts-Kultur. Betrachtet werden sollte es aus fernsehgeschichtlicher, soziologischer, medialer oder kulturanthropologischer Sicht. Ein „ Werk zwischen Kunstanspruch und Serienqualität“, das noch dazu im Vergleich mit amerikanischen Serien.

Bunter Mix

Ein bunter Mix an Vorträgen widmete sich diesem Vorhaben während der dreitägigen Tagung. Den Auftakt machte Francois Werner, Mannheim, mit einem Rückblick auf 40 Jahre Tatort-Erfolgsgeschichte. Werner ist Chefredakteur einer Fanseite im Internet und es dürfte wenig geben, was er über diese bundesdeutsche Krimiserie nicht weiß. Entsprechend umfangreich dann auch seine Präsentation.

Wer es noch nicht wusste: Der Tatort wurde von Gunther Witte erfunden. Am 29. November 1970 lief die erste Folge, im NDR, auch damals schon an einem Sonntagabend. Sie spielte in Hamburg. Angelegt war die Serie auf zwei Jahre, jeder Sender sollte sich dabei beteiligen, eigene Kommissarfiguren finden. Auf 90 Minuten war das Format angelegt – und es mussten auch nicht unbedingt Mordfälle sein. So lautete die Vereinbarung.

Kein Ende in Sicht

Mittlerweile ist nach 890 Folgen und 42,5 Jahren noch kein Ende in Sicht. Wobei Werner, ganz wissenschaftlich, darauf achtet, dass in dieser Zählung 13 ORF-Tatorte, in Österreich gedreht, in Deutschland nie als Erstsendungen gezeigt wurden. Sie laufen allenfalls mal als Wiederholungen im Bayrischen oder Hessischen Rundfunk. Acht Millionen Zuschauer sehen die Sendung durchschnittlich, der Rekord liegt heute bei etwa 13 Millionen. 

291 Ermittlerfiguren

Ein paar weitere Zahlen aus Werners Sammlung: Wollte man alle Sendungen hintereinander sehen, würde man dafür 79 501 Minuten benötigen, oder: 55,2 Tage. 464 Drehbuchautoren und 286 Regisseure, 291 Ermittlerfiguren (inclusive der jeweiligen Teams) und 831 Schauspieler hat die Serie bisher verschlissen. Immerhin 6907 Wiederholungen wurden ausgestrahlt, davon als Spitzenreiter die Folge „Böses Blut“ (28 Mal).

Kneipenübertragungen

Allerdings gebe es auch sechs Folgen im ARD-Giftschrank, deren Wiederholungen nicht gestattet würden – etwa wegen angeblicher „jüdischer Klischees“.  Interessant auch: In einigen deutschen Städten wie Berlin und Münster gibt es inzwischen Tatort-Stadtführungen, in Kiel gar eine Fahrradtour. Und Kneipenübertragungen (von Werner  „Rudelgucken“ genannt) gibt es ebenfalls in vielen deutschen Kneipen.

Die Marke Tatort setze sich in Romanen und Hörbüchern fort, in Radio-Sendungen und DVD-Kollektionen. Derzeit, das sei aber noch sehr geheim, werde sogar an einem Tatort-Gesellschaftsspiel gearbeitet. Der „Fan im Vollständigkeitswahn“ (Werner über Werner) konnte nur eines nicht exakt benennen: die Zahl der bisherigen Fernseh-Leichen. Die würden gerade ermittelt, er werde das nachreichen.

Leichenshow

Stephan Völlmicke aus Münster, der sich am folgenden Tagungstag mit „40 Jahre Leichenshow-Leichenschau. Die Inszenierung des Todes im Tatort und der soziale Umgang mit Sterben und Tod“ beschäftigte, hatte diese Zahl auch nicht parat. Er präsentierte eine Kurzfassung seiner gerade als Buch erschienen en Dissertation zu diesem Thema. Dafür hat er 81 Tatorte aus 40 Jahren daraufhin untersucht, wie oft etwa Leichen überhaupt gezeigt werden und in welcher Form. Wofür er auf 890 Seiten Filmprotokolle ausgewertet hat. 

„Trend zur Leiche und zu Spezialeffekten“

Mit einem Ergebnis: Der „Trend zur Leiche und zu Spezialeffekten“ habe im Laufe der Jahrzehnte deutlich zugenommen.  Zudem gebe es während der Sendungen auch immer mehr Fotos von Leichen, dafür weniger Trauer-Symbole. Ein weiteres Ergebnis seiner Untersuchung: Pathologen, Rechtsmediziner also, kommen immer häufiger vor, erhalten immer größeren Raum – und die verwendenten medizinischen Begriffe damit ebenfalls. Es gebe, so Völlmicke, einen Trend zur naturwissenschaftlichen Betrachtung des Todes.

Mit den Autos der Kommissare in den Tatorten hat sich der Literaturwissenschaftler Rolf Parr beschäftigt. Er betrachtet sie als „Vehikel, Charakter-Pendant und Mittel zur Raumerkundung.“ Immerhin wisse man,  dass zwei Prozent aller deutschen Fernsehsendungen insgesamt abfahrende oder ankommende Autos zeige.

„Zeige mir dein Auto und ich sage Dir, wer du bist“

In den Tatorten, so seine Analyse, würden sehr gezielt Autos als Charakter-Analogie dramaturgisch eingesetzt („Zeige mir dein Auto und ich sage Dir, wer du bist“). Ein spannendes, vielfältiges Thema. Spätestens als er die Szene zeigt, wie Kommissar Borowski seinem alten und nicht mehr funktionierenden VW-Passat, genannt „mein Brauner“ (als wäre er ein treuer Western-Gaul), den Gnadenschuss gibt, ist klar: Es gibt noch viel zu untersuchen.

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