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Göttingen Interview mit Angstforscher Borwin Bandelow
Campus Göttingen Interview mit Angstforscher Borwin Bandelow
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16:30 05.04.2013
November 1984: Polizist Jerry Brown zeigt das Folterinstrument mit dem Colleen Stan malträtiert wurde. Quelle: ap
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Ihr neues Buch trägt den Titel „Wer hat Angst vorm bösen Mann?“. Im Kinderlied, in dem es um den schwarzen Mann geht, heißt die Antwort zwar „Niemand“. Am Ende aber laufen alle fort. Richtet sich Ihr Buch an alle?

Ja, das kann man sagen. Schließlich hat jeder Mensch so eine Faszination für das Böse.

Ihr Buch handelt von der unheimlichen Faszination, die antisoziale Verbrecher auf ihre Umwelt oder auf ihre Opfer ausüben. Sie beschreiben einige schockierende Fälle. Welcher Fall war für Sie persönlich der schlimmste?

Wahrscheinlich der Fall von Colleen Stan. Das ist die Frau, die acht Jahre in einer Kiste verbracht hat. Sie wurde von einem Sexgangster entführt und in eine sargähnliche Kiste gesteckt. Dort musste sie 23 Stunden am Tag ausharren. Dann kam sie raus, durfte auf die Toilette, bekam etwas zu essen und wurde vergewaltigt.

Und danach musste sie wieder in die Kiste. Nach einigen Jahren hat sie tatsächlich eine Bindung zu dem Täter entwickelt. Sie hat sich auch nicht selbst befreit, sondern wurde erlöst, weil die Ehefrau des Täters die Sache angezeigt hat. Ich habe mit Colleen Stan Interviews geführt, und sie hat mir ihre Gedanken geschildert, die sie in der Kiste hatte.

Angesichts solcher Verbrechen stellt man sich zwei Fragen: Wieso machen Menschen so etwas? Und: Wieso lassen Menschen so etwas mit sich machen? Auf beide Fragen versuchen Sie Antworten zu geben.

Ja. In beiden Fällen spielen bestimmte Mechanismen unseres Gehirns eine Rolle. Wichtig ist das Belohnungssystem. Ich nenne das in meinem Buch das EOS, das endogene Opiatsystem.

Bei den Tätern ist das EOS wahrscheinlich unterstimuliert. Sie versuchen den Mangel an körpereigenen Endorphinen auszugleichen, indem sie Aggression gegenüber anderen Menschen ausüben. Das System der Endorphinausschüttung spielt auch beim Sex eine große Rolle. Und die Täter holen sich das, was sie brauchen, mit Gewalt.

Die Opferhaltung lässt sich aber wohl nicht mit dem körpereigenen Opiatsystem erklären.

Auch bei den Opfern spielt das EOS eine Rolle. Natascha Kampusch zum Beispiel, die als elfjähriges Mädchen in den Keller gesperrt wurde, hat monatelang massiv Todesängste gelitten. In solchen Situationen schaltet der Körper auf eine Überlebensfunktion, bei der dann moralische Bedenken außer Kraft gesetzt werden.

Oft ist es so, dass Entführer ihren Opfern zu wenig zu essen geben. Für die Opfer, die sich im reinen Überlebensmodus befinden, gilt dann die Regel: „Liebe das Wesen, das dir etwas zu essen bringt. Auch wenn es dich vergewaltigt.“ Das ist die Lektion, die das Gehirn angesichts der massiven Todesangst lernt.

Höhere, intelligente Funktionen des Gehirns, die für Moral und Scham zuständig sind, werden ausgeklammert. Es regiert allein das EOS, das Überlebensgehirn.

Ihre Beschreibung der Opferperspektive scheint sehr einleuchtend. Was aber die Täterperspektive angeht – da kann man sich schon fragen, ob Sie es sich nicht zu einfach machen, wenn Sie alles auf den Opiatkick zurückführen. Den können sich die Leute doch auch anders verschaffen.

Ich schreibe ja in dem Buch nicht, dass das die einzige Erklärung ist. Lebensgeschichtliche Erfahrungen spielen auch eine Rolle. Es gibt ja viele Menschen, die unter einem Defizit im EOS leiden, und nicht alle werden Mörder. Warum der eine Alkoholiker wird und der andere Sexgangster, kann man in der Tat nicht so einfach erklären.

Antisoziale Menschen, Menschen also, die keinerlei Rücksicht auf andere nehmen, wirken besonders stark. Deshalb interessiert sich auch das Kino für sie. Es profitiert von der Unerschrockenheit der Verbrecher. Profitiert Ihr Buch nicht auch davon?

Wenn wir von schrecklichen Geschichten erfahren, die anderen Menschen passiert sind, dann ergötzt uns das. Davon leben ja auch die Zeitungen. Ich nenne es das Achterbahnprinzip. Wenn wir Achterbahn fahren, glaubt unser primitives Angstsystem, dass wir in der nächsten Kurve aus den Schienen fliegen.

Wenn das nicht passiert, wenn man die Gefahr unbeschadet überstanden hat, gibt es eine Ausschüttung im körpereigenen Belohnungssystem. Genauso ist es, wenn wir uns einen Krimi anschauen. Da wird Grusel erzeugt, denn unser Angstsystem kann nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Wenn am Ende das Gute siegt, erfährt man eine Endorphinausschüttung im Belohnungssystem.

Wollen Sie mit Ihrem Buch auch Schrecken und anschließende Belohnung erzeugen?

Natürlich will ich die Leser berühren. Und das scheint mir auch gelungen zu sein. Schließlich ist das Buch auch gleich auf die Bestsellerliste gekommen. Außerdem liegt es in der Natur der Sache, dass man Schrecken auslöst, wenn man über Erschreckendes schreibt.

Wer einen Antikriegsfilm dreht, muss auch Schlachten zeigen. Aber ehrlich gesagt, habe ich mich manchmal auch bemüht, die Geschichten spannend wie einen Krimi zu schreiben.

Haben Sie sich auch bemüht, sich beim Schreiben manchmal zu bremsen?

Nein. Da ich sonst immer eher trockene, wissenschaftliche Bücher schreibe, wollte ich auch mal versuchen, etwas besonders Spannendes zu schreiben.

Sie sind Angstforscher, deshalb müssten Sie damit umgehen können. Also: Gibt es eine Journalistenfrage zu Ihrem neuen Buch, vor der Sie Angst haben?

Ja, die gibt es. Es ist die Frage nach dem Nachahmereffekt: Könnte es sein, dass Leute dieses Buch lesen und dann selber solche Taten begehen?

Und wie antworten Sie darauf?

Ich will das natürlich nicht hoffen, aber es könnte theoretisch sein. Andererseits steht auch alles im Internet. Jemand, der sich einschlägig informieren will, kann sich überall informieren. Der muss nicht mein Buch lesen.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Zur Person

Borwin Bandelow, geboren 1951, ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut.

Er ist kommissarischer Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen und ein international anerkannter Experte für Angsterkrankungen. 

Sein Buch „Wer hat Angst vorm bösen Mann? Warum uns Täter faszinieren.“ (352 Seiten, 19,95 Euro) ist jetzt bei Rowohlt erschienen. Am Donnerstag, 18. April, liest Bandelow aus seinem neuen Buch in der Göttinger Buchhandlung Hugendubel, Weender Straße 33.

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