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Interview mit Migrationsforscherin Hess

„Logik der Abschreckung ist gescheitert“ Interview mit Migrationsforscherin Hess

Migrationsforscherin Prof. Sabine Hess vom Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Göttingen ist Mitorganisatorin der Konferenz „Migration - Frieden - Human Security“ an diesem Wochenende in Göttingen. Migrationspolitik steht im Mittelpunkt der Tagung.

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Quelle: Forster/dpa (Symbolfoto)

Das Thema der Konferenz ist sehr aktuell. Was hat dafür im vergangenen Jahr den Ausschlag gegeben?
Die Aktualität. Das Problem mit der europäischen Migrationspolitik besteht seit 15 Jahren. Wir haben damals jedoch nicht geahnt, dass sich die Lage nochmals so zuspitzt. In den Sommern 2013 und 2014 gab es schon genug Bootsunglücke. Was in diesem Sommer uns alle überrascht hat, ist die ungebändigte Kraft dieser Migrationsbewegung, die trotz vieler Zäune und Hürden ihren Weg nach Westeuropa fand.

Was ist der wichtigste Aspekt dieser Debatte?
Dieser Sommer hat gezeigt, dass das Grenzregime der Europäischen Union einfach überrannt worden ist trotz der jahrzehntelangen Aufrüstung. Die Logik der Abschottung und Abschreckung ist letztlich gescheitert. Daraus ergibt sich die Frage, welche anderen Umgangsweisen mit internationaler Flucht und Migration nötig sind.

Was bedeutet das für die Flüchtlingspolitik?
Die Entwicklungen machen eines deutlich, dass diese Flüchtlingspolitik nicht funktioniert. Für die Abfangtechnologien, auf die gesetzt wird, werden seit Jahren Beträge ausgegeben, die Milliardenhöhe erreicht haben. Was hätte man damit erreichen können, wenn diese Beträge eingesetzt worden wären für integrative Maßnahmen? Dazu kommt, dass die derzeitige Migrationspolitik die Werte demokratischer Gesellschaften verletzt – die Frage ist, wie lange wir es uns leisten wollen und können, unsere eigenen Werte zu verletzen.

Welche Ansprüche in der Flüchtlingspolitik sind neu zu definieren?
Ich bin Mitglied im Rat für Migration, ein Zusammenschluss deutscher Migrationsforscher. Unsere zentrale Forderung ist, dass sichere Einwanderungswege zu schaffen sind. Es sterben wieder täglich Menschen in der Ägäis, weil sie die Überfahrt nicht überleben. Diese Politik ist zynisch, denn wer die ganzen Hürden der Flucht geschafft hat, bekommt gerade Asyl. In dem Sinne begrüßen wir die Forderung des griechischen Ministerpräsidenten, mehr sichere Fährverbindungen zwischen der Türkei und Griechenland einzurichten. Und was es auch braucht, ist eine europäische Lösung. Die gegenwärtigen Renationalisierungen werden die internationalen Dynamiken der Migration nicht verhindern und das Problem nicht lösen.

Welches Signal versprechen Sie sich von der Konferenz?
Für die Wissenschaften, die die Fragen der internationalen Migration auch nicht gerade breit behandelt haben, Impulse, dies in Zukunft stärker aufzugreifen. In Niedersachsen sind wir mit Forschungen zum Thema in Oldenburg, Osnabrück und Göttingen gut aufgestellt, was die Konferenz auch zum Ausdruck bringen soll. In die Politik hinein muss das Signal sein, dass es diese wissenschaftliche Expertise hier gibt und das sie genutzt werden muss. Es gibt kein Politikfeld, das so wissenschaftsabstinent vor sich hinwurschtelt wie die Flüchtlingspolitik. Für alle möglichen Politikfelder gibt es Enquetekommissionen, hier nicht. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sollte Erkenntnisse aus der Wissenschaft zulassen, um die Flüchtlingspolitik in Deutschland neu zu regeln.

 Interview: Angela Brünjes

„Migration – Frieden – Human Security“

In der Reihe „Wissenschaft für Frieden und Nachhaltigkeit“ wird das Thema „Migration - Frieden - Human Security“ diskutiert. 450 Teilnehmer kommt zu der von der Universität Göttingen und der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler veranstalteten Konferenz; es geht um den Zusammenhang von Krieg, Gewalt, Flucht und Migration.

Am Sonnabend, 21. November, beginnt um 19.30 Uhr ein öffentliches Streitgespräch: Über „,Plötzlich sind sie da …‘ – Flucht und Migration als Herausforderung für Europa und für uns“ diskutieren Prof. Petra Bendel, Erlangen-Nürnberg, und Klaus Wiswe, Präsident des Niedersächsischen Landkreistages, in der Aula, Wilhelmsplatz 1. Dort beginnt am Sonntag, 22. November, um 10.30 Uhr die Abschlusseranstaltung „Verantwortung der Wissenschaft für eine friedenslogische Migrationspolitik“ (uni-goettingen.de).

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