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Jesus als „Sprach-Künstler“

Prof. Detering und Nietzsches „Antichrist“ Jesus als „Sprach-Künstler“

Der Himmelfahrstag ist im Kloster Bursfelde traditionell nicht nur dem Gottesdienst, sondern auch dem Studium gewidmet. Den Vortrag hielt diesmal der Göttinger Leibniz-Preisträger Heinrich Detering. Er befasste sich mit den letzten Schriften Nietzsches.

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Redner und Prediger: Prof. Heinrich Detering (links) und Prof. Joachim Ringleben, Abt von Bursfelde.

Quelle: Schäfer

Zeugnisse eines geistig zusammenbrechenden schöpferischen Menschen sind häufig Missdeutungen ausgesetzt. Prof. Heinrich Detering, der sich in seinem Bursfelde-Vortrag am Himmelfahrtstag unter dem Thema „Der Antichrist und der Gekreuzigte“ mit Friedrich Nietzsches letzten Texten auseinandersetzte, ist sich dieser Gefahr bewusst. Der Germanist, der auch evangelische Theologie studiert hat, hat die Texte auf Spuren von religiösen und kunstreligiösen Mustern untersucht. 

Zentrales Anliegen des Buches „Der Antichrist“ ist, so Detering, der „behauptete Gegensatz zwischen dem Christentum und dem historischen Jesus“. Jesus ist bei Nietzsche Verkünder einer egalitären Liebesreligion aus seelischer  und physischer Schwäche, psychologisch gesehen „Folge einer extremen Leid- und Reizfähigkeit“. 

Doch trägt Nietzsches Jesus-Bild nach Detering durchaus auch andere Züge. Vor allem bekämpfe Nietzsche das paulinisch-kirchliche Christentum, in dem Jesus von Anfang an missdeutet worden sei. In Jesus sei vielmehr „die Verklärung des Lebens“ verwirklicht. Jesus sei einer, der von Weltverneinung nichts wisse.

Von Michael Schäfer

Poetische Metaphern

In der Konzeption der Figur Jesu, wie sie Nietzsche vorführt, spürt Detering noch eine weitere Dimension auf. Jesus sei ein „Sprach-Künstler“. Alle theologischen Begriffe, die Jesus verwendet – von „des Menschen Sohn“ bis „Vater“ und „Sohn“ – seien nur scheinbar „Formeln“. In Wirklichkeit entfalteten sie „poetische Metaphern“ des Lebens. Insofern zeige Nietzsche bei Jesus eine „dichterische Zeichen-Sprache“ auf. Auf dieser Grundlage rekonstruiert Nietzsche die eigentliche „frohe Botschaft“: „Die Sünde, jedwedes Distanz-Verhältnis zwischen Gott und Mensch, ist abgeschafft“. Den Kreuzestod Jesu sieht Nietzsche nicht als einen Sühnetod an, um die Menschen zu erlösen, sondern als einen Tod, „um zu zeigen, wie man zu leben hat“. 

Im zweiten Teil seiner Ausführungen wandte sich Detering Nietzsches folgendem Buch „Ecce home“ zu und verwies dabei auf zahlreiche Analogien bis hin zur „überbietenden Identifikation“, zur Rollenübernahme – bis hin zu Nietzsches Brief-Unterschriften Anfang 1889 „Der Gekreuzigte“.

In seiner Predigt hatte zuvor Prof. Ringleben, Abt von Bursfelde, gegen naive Vorstellungen vom Ort des Himmels die Aussage gestellt, dass der Himmel „Gottes lebendige Gegenwart“ sei. Er sei „die Mitte, die überall ist, ganz diesseitig und ganz jenseitig.“

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