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Jürgen Müller über die Eigenständigkeit der Nachtwache von Rembrandt

Rembrandts Ideen Jürgen Müller über die Eigenständigkeit der Nachtwache von Rembrandt

Zwei Herren schreiten ins Gespräch vertieft voran. Hinter ihnen fällt ein Schuss, bellt ein Hund, steht eine große Ansammlung von Menschen, mit Bajonetten und Flinten, einer lädt im Gehen seine Muskete nach. Es ist viel zu sehen auf Rembrandts Meisterwerk „Die Nachtwache“ aus dem Jahr 1642.

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Rembrandts Nachtwache: zwischen Imitatio und Innovation.

Quelle: EF

Göttingen. Dargestellt ist der Auszug einer Schützenkompanie, eine Auftragsarbeit. Aber es seien weitaus mehr Menschen darauf zu sehen, als dafür bezahlt haben, sagt Jürgen Müller in seinem Vortrag, am kunstgeschichtlichen Seminar Göttingen.

Aus einem militärischen Blickwinkel betrachtet, ist das Geschehen auf dem Bild „unmöglich“, ergänzt der Professor für Mittlere und Neuerer Kunstgeschichte von der Technischen Universität Dresden und deutet damit schon an, dass in dem Bild noch mehr verborgen liegt. Häufig wird Rembrandts Nachtwache militärisch gedeutet, Müller hingegen hat eine andere These.

Er sagt, Rembrandt stelle sich hier einem kunsttheoretischen Problem, nämlich der Frage, ob sich als Künstler der Imitatio, also der Nachahmung hingeben oder ob innovativ arbeiten solle.  

Deutliche Übereinstimmungen mit antiken Figuren

Im 17. Jahrhundert wurde der Diskurs um die Imitatio vor allem von Franciscus Junius beherrscht. Dieser hatte 1637 „De pictura veterum libri tre“ veröffentlicht, eine Abhandlung über Malerei, die die antike Kunsttradition verehrte und damit deren hegemonialen Anspruch definieren wollte.

1641 wurde das Traktat ins Niederländische übersetzt. Wie viele Künstler habe Rembrandt kritisch darauf reagiert und das könne man auch in der Nachtwache sehen. Um seiner Kritik Luft zu machen, habe er sich des bildlichen Zitats bedient.

Müller vergleicht die einzelnen Figuren mit antiken Vorbildern und zeigt so deutliche Übereinstimmungen, beispielsweise mit Raphaels „Schule von Athen“ oder Botticellis „Venus und der schlafende Mars“. Hier zeigt sich, dass der Künstler durchaus mit der Antike vertraut ist, ihre Ästhetik nachahmen kann.

Rembrandt bricht jedoch diese Ästhetik auf, indem er sie mit einer banalen Ebene kombiniert. Im Fall der „Nachtwache“ zeige Rembrandt mittels der dargestellten Unordnung auf ironische Weise, das er die Imitatio verneine. Ein zentrales Element des Bildes sei der Handschuh des Hauptmanns.

Eigenständigkeit des Künstlers

Hierin sieht Müller einen Kommentar zu Junius Abhandlung. Der Handschuh, der entgegen der physikalischen Gesetze nicht schlaff herunterhängt, sondern mit Leben gefüllt scheint, betone die Eigenständigkeit des Künstlers, so Müller. Zudem werfe der Handschuh einen Schatten auf den Anzug des Leutnants und versinnbildliche damit die These, dass eine Imitatio sich auch immer nur wie ein Schatten zur Welt verhalten könne.

Auch Junius selbst macht Müller auf dem Bild aus, in Gestalt eines wahrscheinlich betrunkenen Mannes, der auf gefährliche Weise seine Waffe nachlädt. Für Müller ist klar, dass Rembrandt in der „Nachtwache“ Stellung bezieht – für eine innovative Kunst, die ihre eigene Identität und ihre eigenen Ideen haben muss.

Prof. Christian Freigang von der Freien Universität Berlin spricht am Mittwoch, 19. November, zum Thema „Mies van der Rohe und die Kriese des Neuen Bauens um 1930“.  Der Vortrag beginnt um 18.30 Uhr im Kunstgeschichtlichen Seminar, Nikolausberger Weg 15, Hörsaal PH12. Außerdem beteiligt sich die Kunstsammlung der Universität Göttingen am Wochenende der Graphik, 8. und 9. November. Neben Führungen gibt es unter anderem auch Workshops.   

Weitere Informationen unter gturl.de/Graphik
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