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Heinz Bude stellt sein neues Buch vor

Soziologe im Gespräch Heinz Bude stellt sein neues Buch vor

„Heimatlose Antikapitalisten“ und „entspannte Systemfatalisten“ sind für den Kasseler Soziologen Heinz Bude Grundlage und Ausgeburten der gegenwärtigen Stimmung in Deutschland. Im Gespräch mit Andreas Busch verdeutlichte er am Dienstagabend im alten Rathaus die Thesen seines aktuellen Buches.

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Plädoyer für besonnene Menschen: der Kasseler Soziologe Heinz Bude am Dienstag in Göttingen im Gespräch mit Andreas Busch.

Quelle: Wenzel

Göttingen/Kassel. Die kollektive Stimmung zu ergründen, sei gar nicht so einfach.  Man könne schließlich nicht die ganze Gesellschaft auf die Therapiecouch legen und fragen „wie fühlen Sie sich heute?“. Dennoch scheint Bude einen Weg gefunden zu haben, die Stimmungen der Gesellschaft zu fassen und zu analysieren. Es sei die „Unübersichtlichkeit entgrenzter Verhältnisse“ in Kombination mit einem „kapitalistischen Ich-Ideal flächendeckender Sozialverwüstung“, die bei dem einen Wut und die Gier nach Anklang, bei dem anderen abwartende Resignation hervorrufe.

Es ist die Kardinalfrage der Soziologie, die auch Moderator und Politikwissenschaftler Andreas Busch im Anschluss an Budes kurze Lesung aus seinem Buch „Das Gefühl der Welt“ aufwarf: Wie entsteht ein kollektiver Zustand aus vielen einzelnen Teilen? Wie kann eine kollektive Stimmung aus vielen komplexen Gefühlszuständen Einzelner erwachsen?

Budes Antwort hob sogleich die Medien in den Fokus. Diese vermittelten uns das Gefühl, in einer geteilten Welt zu leben.

In den vergangenen Jahren seien auch das Internet und damit die Möglichkeit für jedermann, Meinung und Stimmungen zu erzeugen, gewachsen – zu Ungunsten von exemplarischen Medienpersonen, Wortführer mit Charisma und Deutungshoheit, an denen sich andere orientieren könnten. All die „Katakomben von Stimmungen im Netz“ könnten sich nun ein Gehör verschaffen, anstatt in einer Schweigespirale unterzugehen. Herrschende Stimmungen änderten sich mit Vorfällen wie in der Silvesternacht in Köln und drängten jeweils vormals dominante Gruppen sukzessive in die Schweigespirale.

Dass die Stimmung in jüngster Zeit so gereizt ist, erklärte Bude damit, dass das Verständnis für die gesellschaftliche Veränderung der vergangenen Jahrzehnte schlicht nicht vorhanden sei. Am Beispiel der Erosion des mittleren Managements, die mit der Degradierung bestimmter Berufspositionen einhergegangen sei, verdeutlichte er: Vieles in der Welt ist gut für die Hochleistungsökonomie, aber nicht für den Einzelnen. Auf der Suche nach geteilten Gefühlen begebe man sich ins Internet und finde sogleich Pendants für seine Meinung.

Gerade die organisationsstarken, kompetenzbewussten Lauten seien fähig, andere Menschen für sich zu gewinnen und zu instrumentalisieren. Budes Lösungsvorschlag für das „Stimmungsproblem“ klingt so banal wie einleuchtend:  Es benötige ruhige, besonnene Menschen, die Stimmungen mit ihren Stimmungen verändern.

„Irritierte Agitiertheit“ müsse einer Ruhe weichen, die Argumentationen und Aufklärung möglich mache.

Die Lesung veranstaltete der Göttinger Literaturherbst mit der Akademie der Wissenschaften.

Von Katharina Kilburger

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