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Göttingen „Kinder brauchen Aufgaben“ – auch als Therapie
Campus Göttingen „Kinder brauchen Aufgaben“ – auch als Therapie
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19:45 06.01.2011
Gemeinsam Aufgaben erledigen: Leben auf einer Alm als Therapie. Quelle: Sinn-Stiftung

Die Diagnose lautet immer wieder ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitäts-Syndrom). Das Medikament, das dagegen verschrieben wird, ist Ritalin. Hüther, Neurobiologe und Hirnforscher an der Universitätsmedizin Göttingen, hält den Einsatz von so genannten Psychostimulanzien für keine Lösung und verfolgt einen anderen Ansatz: Er versucht, ADHS mit einer Verhaltenstherapie zu behandeln. „Lieber einen Sommer lang auf der Alm als ein Leben lang auf Ritalin“, lautet sein Via nova-Projekt, von dem er weiß, dass es umstritten ist.

Hüther stellte sein Alm-Projekt gemeinsam mit dem Schweizer Sozialpädagogen Tibor Beregszaszy im Dezember in der Göttinger Nikolaikirche vor. Der Vortrag war der Auftakt für eine öffentliche Veranstaltungsreihe des Interdisziplinären Zentrums für Nachhaltige Entwicklung (IZNE) der Universität Göttingen. Das IZNE wird in drei weiteren Vorträgen dem „Geheimnis des Gelingens“ nachgehen.
„Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können“, lautet eine entscheidende These des Hirnforschers. Das Alm-Projekt biete dazu die Möglichkeit. „Wenn man dort hoch geht, denkt man, man kann nichts. Wenn man wieder runter kommt, weiß man, dass man viel mehr kann, als man denkt“, beschreibt Beregszaszy die Entwicklung und zugleich das Fazit eines Teilnehmers des Projekt. Beregszaszy hat eine Gruppe auf der Alm betreut. Dabei wurde den Kindern während der zwei Monate in Abgeschiedenheit ein Grundsatz vermittelt: Sie müssen zusammenarbeiten, um den Alltag zu meistern.

Die Kinder haben sich selbst versorgt, gekocht, gewaschen, Ziegen gepflegt und gemolken und am Ende sogar eine eigene kleine Käseproduktion auf die Beine gestellt und damit ein wenig Geld verdient. Und sie haben den Bauern in der Nachbarschaft bei der Arbeit geholfen. Der Erfolg war laut Hüther groß: Die Kinder brauchten nach dem Aufenthalt nach seinen Angaben kein Ritalin mehr.

Den Grund für ADHS sieht Hüther in der Entwicklung des Gehirns. „Das Gehirn wird so, wie man es benutzt.“ Besonders stark präge sich ein, was man mit Begeisterung tut. Dann werden neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet, mit deren Hilfe all jene Nervenzellverschaltungen dieses emotionalen Zustands gefestigt und verstärkt werden, die man in diesem Zustand besonders intensiv benutzt. Ein Fazit: Familien müssten wieder mehr Wert auf gemeinsame Projekte legen, die Überstimulation durch Medien sollte reduziert werden, Kinder sollten wieder lernen, die Aufmerksamkeit gemeinsam mit anderen Menschen auf gemeinsame Interessen oder Aufgaben zu lenken.

Da der Aufenthalt auf der Alm ein aufwändiges Projekt ist, sucht Hüther derzeit in der Nähe mehrerer Großstädte nach Bauernhöfen. Dort will er Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit für eine Auszeit verschaffen und Kraft zu tanken.

Am Ende des Vortrags gab es viel Zustimmung, aber auch Zweifel. Eine Mutter berichtete von ihrem achtjährigen Sohn, mit dem sie viel draußen unternehme, kaum fernsehe, und ihn an Aufgaben, die für die Familie wichtig seien, beteilige, „und trotzdem hat er ADHS“, sagte sie resigniert.

Große Kritik gab es schließlich an Schule und Schulsystem: „Es darf nicht die Lösung sein, dass man einem Kind Medikamente gibt, wenn die Schule so furchtbar ist, dass sie Kinder nicht aushält“, sagte eine Frau. „Sie legen den Finger in die Wunde“, sagte Hüther. Die Verantwortung liege nicht bei den Kindern, sondern bei den Erwachsenen, den Eltern und Lehrern. Die Eltern sollten aufwachen und dafür sorgen, dass ihre Kinder vor lauter Leistungsdruck nicht mit Angst in die Schule gehen. Aber auch Pädagogen seien gefordert, das Schulsystem zu überdenken.

Die Vortragsreihe des IZNE wird am Dienstag, 18. Januar, um 20 Uhr mit dem Thema „Wie aus Krankenhäusern singende Gesundwerdhäuser werden“ in der Nikolaikirche, Nikolaikirchhof 9, fortgesetzt. Am 1. Februar lautet das Thema „Stell Dir vor, es ist Schule und alle wollen hin“.

Von Eida Koheil

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