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König Ludwig II. Thema beim Göttinger Schizophrenie-Symposium

Psychiater geht von Selbstmord aus König Ludwig II. Thema beim Göttinger Schizophrenie-Symposium

„König Ludwig II. von Bayern ist nie geisteskrank gewesen, sondern hat sein Land in schwierigen Zeiten wirtschaftlich, technisch und kulturell vorangebracht“: Diesen Standpunkt vertritt Psychiater Heinz Häfner. Der Professor sprach am Donnerstag beim Internationalen Schizophrenie-Symposium.

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Ludwig II.: Der Bayernkönig starb am 13. Juni 1886 im Starnberger See unter bis heute umstrittenen Umständen.

Quelle: dpa

Göttingen. Göttingen. „König Ludwig II. von Bayern ist nie geisteskrank gewesen, sondern hat sein Land in schwierigen Zeiten wirtschaftlich, technisch und kulturell vorangebracht“: Diesen Standpunkt vertritt Psychiater Heinz Häfner. Der Professor sprach am Donnerstag, 18. September, beim Internationalen Schizophrenie-Symposium.

Willfährige Psychiater, so Häfners Anklage im gut besuchten Alten Rathaus, hätten im 19. Jahrhundert wiederholt im Auftrag von Kaisern, Königen und Fürsten unliebsame Personen mit falschen Gutachten in geschlossene Anstalten eingewiesen. Im Fall von Ludwig (1845-1886) sei der Onkel, Prinzregent Luitpold, die treibende Kraft gewesen. Dessen Hauptmotiv seien Ludwigs Bauprojekte gewesen. „Der König machte hohe Schulden, für die seine Familie mit ihrem Privatvermögen haftete“, so Häfner (89), emeritierter Psychiatrie-Professor aus Mannheim. Heute seien Ludwigs Schlösser Touristenmagneten, insbesondere Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof.

„Der Prinzregent warf Ludwig zudem die Vernachlässigung seiner Amtspflichten vor“, führte Häfner aus. Das sei falsch, was sich anhand der zahlreichen von Ludwig immer zeitnah bearbeiteten Akten zeigen lasse. „Richtig ist dagegen, dass Ludwig repräsentativen Verpflichtungen ungern nachkam“, so der Professor. Der König, der 1864 die Regentschaft übernahm, habe unter einer Sozialphobie gelitten, ohne dadurch allerdings seine Zurechnungsfähigkeit zu verlieren.

„Gesellschaftlich nicht akzeptiert war seinerzeit Ludwigs Homosexualität“, sagte Häfner. Der Sex sei zudem zum Teil nicht einvernehmlich erfolgt. So habe der König junge Reitersoldaten an seinen Hof abkommandieren lassen und sich an ihnen vergangen. Niemand habe dem König Grenzen aufgezeigt, was auch an Ludwigs Amtsverständnis gelegen habe. In Gegenwart des Königs sei es selbst Familienangehörigen verboten gewesen, ohne Aufforderung zu sprechen.

„Als der Gutachter, Psychiater Bernhard von Gudden, Ludwig in Begleitung von vier Irrenwärtern die Entmündigung eröffnete, hat der König ruhig und überlegt gehandelt“, betonte Häfner. Der Wittelsbacher habe zu Recht darauf hingewiesen, dass das entsprechende Gutachten ohne jede persönliche Untersuchung erstellt worden sei. Die Unterbringung auf Schloss Berg habe der König als Demütigung erlebt. In seiner Verzweiflung sei er während eines Spaziergangs mit seinem Psychiater in den See gelaufen, um sich umzubringen. Als von Gudden ihm folgte, habe Ludwig ihn gewürgt und niedergeschlagen. Der Psychiater sei ertrunken. Kurz darauf habe der König seinen Freitod vollzogen.

Prof. Jürgen L. Müller von der Asklepios Psychiatrie Niedersachsen betonte in der anschließenden Diskussion, dass die psychiatrischen Fachgesellschaften heute für die Erstellung von Gutachten Standards gesetzt haben. Nicht alle im Publikum zeigten sich überzeugt, dass so Willkürentscheidungen auszuschließen sind.

Von Michael Caspar

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