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Kroemer ist neuer Vorstandssprecher der Universitätsmedizin

Interview mit Ilse Stein, Britta Bielefeld und Angela Brünjes Kroemer ist neuer Vorstandssprecher der Universitätsmedizin

In wenigen Monaten soll in Greifswald Deutschlands modernster medizinischer Standort fertiggestellt sein. Heyo P. Kroemer hat maßgeblichen Anteil an der Entwicklung. Seit 1. September widmet sich der Pharmakologe seiner neuen Aufgabe.

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„Ich habe die Göttinger Offerte gerne angenommen“: Heyo Kroemer ist neuer Chef der Universitätsmedizin.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Er ist Sprecher des Vorstands der Universitätsmedizin Göttingen, im Vorstand für Forschung und Lehre zuständig sowie Dekan der Medizinischen Fakultät. Seine Ansichten, Pläne und Erfahrungen waren Themen des Gesprächs mit Ilse Stein, Britta Bielefeld und Angela Brünjes.  

In Greifswald ist alles modernisiert und Sie wechseln nach Göttingen. Was wollen Sie hier flottmachen?

Den Anspruch will ich nicht erheben. Ich hatte eigentlich auch gar keinen Grund, aus Greifswald wegzugehen. Ich bin mit meiner Familie 1998, als vor dem Wechsel in den Osten noch gewarnt wurde, nach Greifswald gegangen. Ich war Institutsleiter, wurde im Jahr 2000 Dekan. Mit einer aktiven Gruppe, von der Politik unterstützt, waren wir fest entschlossen, aus dem Standort etwas zu machen. Das ist geschehen. 2007 erhielt ich das Angebot aus Hamburg, dort hauptamtlicher Dekan zu werden. Darauf stellte mein Direktor mir den Neubau meines Instituts in Aussicht, damit ich bleibe. Der ist 2011 fertig geworden und der Bau des neuen Campus wird in diesem Jahr zu Ende gehen.

Womit also hat Göttingen Sie gelockt?

Ich bin gebeten worden, mir den Standort hier anzusehen. Die Einladung von der Universitätspräsidentin und dem Vorsitzenden des Stiftungsausschusses der Universitätsmedizin habe ich angenommen.
Es hat sich bei mir der Gedanke verselbständigt, etwas Neues zu machen. Und ich wurde immer wieder hierher eingeladen. Ich habe hier sehr gute Kollegen in der Universitätsmedizin getroffen. Hier gibt es herausragende Vertreter ihrer Disziplin, die klinisch absolut herausragend sind und gleichzeitig extrem gute Wissenschaft machen. So etwas haben wir in Deutschland, das liegt im Vergütungssystem begründet, nicht an vielen Standorten. Dann ist Niedersachsen ein extrem wissenschaftsfreundliches Land. Was hier für die Wissenschaft getan wird, ist nur vergleichbar mit Bundesländern im Süden.

Sie freuen sich auf Veränderung? 

Ich freue mich auf die neue Herausforderung. Aber ich habe auch nach der Vertragsunterzeichnung noch mal geschwankt und mich gefragt, ob es nicht doch besser gewesen wäre, sich in der pommerschen Ruhe zurückzulehnen. In Göttingen aber gab es etwas, was ich auch bei meinem ersten Besuch in Greifswald erlebte: Das Gefühl, das kann passen. Neben der familiären Diskussion über die berufliche Veränderung gab es für mich aber noch eine grundsätzliche Entscheidung. Hier in Göttingen habe ich kein Institut mehr. Das fühlt sich an wie Autofahren ohne Gurt. Daran muss ich mich noch gewöhnen.

Seit Juni ist bekannt, dass an der Universitätsmedizin gegen einen Arzt ermittelt wird, weil er Lebertransplantationen nicht entsprechend den gesetzlichen Vorgaben durchgeführt haben soll. Wie beurteilen Sie den „Transplantationsskandal“?

Was da vorgefallen ist, ist für Göttingen als Standort eine Katastrophe. Es wird Folgen haben. Ich bin sehr dafür, zuerst das Ende der Untersuchungen abzuwarten. Im Klinikum ist die Aufklärungsarbeit mit einer sehr hohen Transparenz und Intensität von meinen Vorstandskollegen Dr. Martin Siess und Dr. Sebastian Freytag betrieben worden. Dazu ist eine externe Kommission eingesetzt worden, deren Report Ende des Jahres erwartet wird.

Warum konnten Patienten, die dafür nicht vorgesehen waren, Organspenden erhalten?

Jedes noch so gut kontrollierte System hat Lücken. Und diejenigen, die sich nicht an Regeln halten, werden die nutzen.  Realiter kann man das nicht verhindern.

Warum wurde der Arzt vor seiner Einstellung nicht genauer überprüft?

Was in Regensburg vorgefallen war, ist nicht öffentlich gemacht worden und konnte deshalb hier nicht in Erfahrung gebracht werden. Auch später hat hier in Göttingen die Klinikleitung eine ganze Weile nichts erfahren, weil die Bundesärztekammer zunächst nur mit dem betroffenen Arzt kommuniziert hat.

Transplantationsmedizin ist für Kliniken auch ein Geschäft. Sollte das hier eingestellt werden?

Die Zahlen der Leber- und Herz-Transplantationen hier sind in einer Größenordnung, die im Gesamtumsatz des Hauses wenig ausmachen. Der Imageschaden und der daraus indirekt entstehende mögliche wirtschaftliche Schaden sind viel größer als der wirtschaftliche Ausfall, wenn diese Transplantationen wegfallen. Ich bin aber aus anderen Gründen dagegen. Zum einen könnte es als ein institutionelles Schuldeingeständnis missverstanden werden. Und zum anderen wäre es ein strategischer Fehler hinsichtlich der Forschungsaufgaben einer Universitätsmedizin. So gibt es interessante Entwicklungen bei der Erforschung neuer Zellkulturen. Hier könnten sich in Zukunft Anknüpfungspunkte mit der Transplantationsmedizin ergeben. Vielleicht wird es einmal möglich sein, statt Organe  schon bald Zellen zu implantieren, die zerstörte Organe erneuern. Diese strategische Ausrichtung müssen wir mit im Blick haben.

Wird der Transplantationsskandal Ihrer Meinung nach zu einem Einbruch bei den Organspenden führen?

Das ist im Moment schwer zu prognostizieren. Da in diesem Zeitraum auch das Organspendegesetz geändert worden ist, kann niemand sagen, was welche Auswirkungen hat.

Sollte die Ethik in der Medizin in der Arztausbildung einen höheren Stellenwert erhalten?

Mich beschäftigt seit zehn Jahren die personalisierte Medizin. Danach wirkt jedes Medikament bei jedem Menschen mehr oder weniger stark anders, auch wenn die Gruppe der Patienten die gleiche Diagnose hat. Das ist meiner Meinung nach ein wichtiges Thema, das in das Studium eingebracht werden sollte. Und es ist auch eng verbunden mit dem Ethik-Thema, weil es darum geht, wer erhält welches Medikament zu welchem Zeitpunkt. Oft ist die Frage, wann wird es etwas zu welchem Preis und mit welchem Nutzen eingesetzt, auch unter ethischen Gesichtspunkten zu sehen. Und so ist die Ethik in der Medizin stärker in die Ausbildung und in die Universität einzubringen. Ich bin auch sehr dafür, mit Kollegen aus der Universität, beispielsweise der Theologie oder der Philosophie, in der medizinischen Ausbildung zu kooperieren.

Am Mittwoch war eine Ihrer ersten Amtshandlungen, den neuen Bereich „Medizindidaktik“ zu eröffnen. Ist es notwendig, dass die Lehrenden in Zahn- und Humanmedizin didaktisch geschult werden?

Redaktionsgespräch: Angela Brünjes, Heyo Kroemer, UMG-Pressesprecher Stefan Weller, Ilse Stein und Britta Bielefeld (von links).

Quelle: Hinzmann

Ich halte sehr viel von dieser Einrichtung, die vom Studiendekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Gerhard Burckhardt, auf den Weg gebracht worden ist. Wer sich jetzt habilitiert, kann dadurch seine Kompetenzen auf dem Gebiet der Lehre und Prüfungen verbessern.

Heißt das, die Lehre ist mehr ins Blickfeld gerückt?

Es ändert sich einiges, weil wir eine ganz massive Auseinandersetzung um den Nachwuchs erleben. Die Studierenden informieren sich heute sehr genau über die Angebote. Ich habe in Greifswald den Wandel erlebt. Dort haben wir uns stark um die Studierenden bemüht. Wir hatten bei 180 Studienplätzen einst 120 Bewerber. Zuletzt hatten wir über 3000 Bewerbungen – nur die Berliner Charité hatte mehr. Lehre funktioniert nicht mehr nach der Altväter-Sitte, sondern muss vielen Ansprüchen gerecht werden, vor allem denen der Studierenden.

Meinen Sie, dass der Ärztemangel so bekämpft werden kann?

In Mecklenburg-Vorpommern herrscht der größte Ärztemangel der Republik. Dabei bilden Rostock und Greifswald pro Jahr etwa 400 Ärzte aus, wovon die meisten aber nicht im Land bleiben. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass wir ein Allokationsproblem haben. Dazu kommt das veränderte Selbstverständnis der Nachwuchs-Mediziner, die klare Vorstellungen von ihrer Life-Work-Balance haben. Die haben andere Ansprüche als die Menschen meiner Generation. Und diese Ansprüche müssen ja auch nicht falsch sein.

Der demografische Wandel wird schon bald zu Veränderungen in vielen gesellschaftlichen Bereichen führen. In der Medizin wird er ebenfalls eine Rolle spielen, die spürbare Veränderungen nach sich zieht. Sind die Vorkehrungen im Gesundheitsbereich ausreichend?

Für mich ist die demografische Entwicklung das zentrale Thema der Zukunft. In 30 Jahren werden die Menschen in Deutschland überaltert sein. Wenn die in vergleichbarer Weise krank werden wie die alten Menschen heute, dann wird das ein großes Problem, ein Versorgungsproblem. Die medizinische Nachfrage der Zukunft ist abschätzbar und das Angebot muss ausgelotet werden.

Ist das als Forschungsbereich zu sehen?

Das solidarisch organisierte Sozialsystem ist angelegt auf die herkömmliche Alterspyramide, aber die steht inzwischen Kopf. Diese wenigen Jungen werden nicht in der Lage sein, die Alten zu unterstützen. Die Uni-Medizin muss sich in dieses Thema der Gesundheitsversorgung stärker einbringen. Dort sind die Leute, die die Kompetenz haben und solche Fragen beantworten können. Wie muss sich eine Stadt mit einer älteren und alten Bevölkerung entwickeln? Das betrifft auch die Unternehmen hinsichtlich der älteren Beschäftigten.

Was tut man als Arbeitgeber für das ältere Personal, um zu verhindern, dass Beschäftigte früher erkranken?

Neben der Gesundheitsvorsorge wird es aber auch darum gehen, immer mehr Kranke zu versorgen.

Wie passt dazu die von der Politik angestrebte Kostenreduktion im Gesundheitswesen, die ja meist unter dem Schlagwort „Bettenabbau“ geführt wird?

Der Gesetzgeber könnte sich gut aus der Geschichte mit der Bettenzahl heraushalten, weil das Vergütungssystem fallbezogen ist. Aber die Bettenpläne bleiben, weil es sich im Lauf der Zeit ergeben hat, dass immer noch an jedem Bett Geld hängt. Doch die Zeiten haben sich geändert. In Greifswald wurde uns vor zehn Jahren vorhergesagt, dass wir heute nur noch maximal 600 Betten haben würden. Jetzt sind aber 890 Betten da. Die Möglichkeiten des technischen Fortschritts sind enorm gestiegen: Vor zehn Jahren war gar nicht absehbar, dass heute auch bei alten Patienten mit einer minimalen medizinischen Intervention ein maximaler Effekt erzielt werden kann. Insofern sind Reformen erforderlich, die zu den Arbeitsbedingungen in der Medizin und den Ansprüchen der Patienten passen. 

Was haben Sie sich vorgenommen, an der Universitätsmedizin in Göttingen zu verändern?

Ich bin Ostfriese: Ich gucke mir das in Ruhe an. Das langfristige Ziel ist, ein paar von den dargestellten Grundüberzeugen einzubringen. Strukturell will ich dafür sorgen, die Forschung stärker zu entwickeln. Die Kombination mit außeruniversitären Einrichtungen, die Interaktion im Göttingen Research Campus ist hier schon einzigartig. Ich bin aber auch ein Fan davon, dass Universität bunt ist. Deshalb wehre ich mich gegen die völlige Verwirtschaftung, vor allem in der Krankenversorgung. Die Bedeutung der Lehr- und Ausbildungsaktivitäten an einer Universitätsklinik will ich stärker betonen.

Und was kann universitäre Medizin, was das Krankenhaus nebenan nicht kann?

Das ist die Forschung. Und deshalb muss den Forschern mehr Freiraum gegeben werden, auch für die Grundlagenforschung. Die sollte aber so ausgelegt sein, dass die spätere Anwendung nicht außer Acht gelassen wird. Langfristig ist für mich das Vergütungssystem der Universitätskliniken nicht tragbar. Wenn ein Chirurg operiert, muss er Zeit haben, einem Studenten etwas zu erklären. Dadurch kann der Arbeitsablauf länger dauern, aber das wird nicht bezahlt. Es ist unabdingbar, dass sich das ändert. Diese speziellen Probleme der Universitätskliniken müssen gelöst werden.  Auch deshalb bin ich hier. Ich habe die Göttinger Offerte gerne angenommen.

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