Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen „Künstliche Intelligenz - Bedrohung oder Perspektive?“
Campus Göttingen „Künstliche Intelligenz - Bedrohung oder Perspektive?“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 12.09.2018
Das Thema künstliche Intelligenz spielt in unserem Alltag eine immer größere Rolle. Quelle: epd
Anzeige
Göttingen

Der Sozialwissenschaftler Andreas Mayert hält am Donnerstag, 13. September, in Göttingen einen Vortrag über künstliche Intelligenz. Im Vorfeld sprach er mit dem Tageblatt über das Thema.

„Ein Roboter-Boot überquert den Atlantik“, „Drohnen könnten eigenständig in den Krieg ziehen“, „Algorithmen erleichtern Medizinern die Diagnose“. Das sind alles Meldungen der letzten Wochen. Hat die künstliche Intelligenz (KI) bereits Einzug gehalten?

KI hat in vielen Bereichen bereits Einzug gehalten, man könnte weitere Beispiele nennen, die unser tägliches Leben mehr berühren. Die Video-Empfehlungen, die wir bei YouTube erhalten, sind ebenso KI-gesteuert wie die Übersetzungsfunktion von Google. An einigen deutschen Universitäten wird eine KI bei Eignungstests eingesetzt, dort bewertet sie Essays von Prüflingen. Sogenannte Datenbroker, die Daten an so gut wie jeden Interessenten verkaufen, verwenden KI, um eine Vielzahl von Datensätzen so zu verknüpfen, dass einzelne Personen identifiziert und selbst intimste Informationen über sie gewonnen werden können.

Viele digitale Helferlein erleichtern uns schon heute den Alltag. Warum empfindet der Mensch die von ihm geschaffene Technologie dennoch als Bedrohung?

Die Digitalisierung wird hauptsächlich aus zwei Gründen als Bedrohung empfunden. Zum einen geht es um die verbreitete Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Zum zweiten befürchten viele einen Kontrollverlust über ihre persönlichen Daten und insbesondere, dass diese in die falschen Hände geraten. Dazu gibt es natürlich noch die diffuse aber unbegründete Angst, die Maschinen selbst – nicht die Profiteure ihres Einsatzes – könnten sich gegen Menschen richten.

Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) könnte schon jetzt jeder vierte Job komplett von einer computergesteuerten Maschine erledigt werden - andere zumindest teilweise. Macht sich der Mensch als Arbeitnehmer langfristig überflüssig?

Die Studie befasst sich allein mit der technischen Ersetzbarkeit. Ob Menschen von Maschinen ersetzt werden, hängt aber von vielen Faktoren ab: Ist eine Ersetzung wirtschaftlich sinnvoll, selbst wenn sie technisch möglich ist? Werden Beschäftigte einfach ersetzt oder verändert sich nur ihr Tätigkeitsspektrum? Wie wirkt sich die kostspielige Investition in neue Technologie auf das unternehmerische Risiko aus? Sind genug Fachkräfte vorhanden, die mit den neuen Technologien umgehen können? Gibt es rechtliche, regulatorische oder ethische Hürden des Einsatzes neuer Technologien? Zudem entstehen durch die Digitalisierung auch neue Jobs, darüber sagen diese Studien nichts.

Was sollten wir langfristig den Maschinen überlassen und in welchen Bereichen wird KI dem Menschen immer unterlegen bleiben?

Im Idealfall sollten Maschinen zum einen Tätigkeiten übernehmen, die repetitiv, abstumpfend oder mit besonderen Gesundheitsgefahren verbunden sind. Zum anderen sollten sie menschliche Entscheidungen dort ergänzen, wo ihre spezifischen Fähigkeiten in der Lage sind, komplexe Zusammenhänge besser zu erkennen als ein Mensch, etwa bei der medizinischen Diagnostik. Aber die Fähigkeiten von KI-Systemen sollten nicht überschätzt werden. Sie sind mit hochspezialisierten Organismen zu vergleichen, die in einzelnen Bereichen übermenschliche Fähigkeiten besitzen, aber in vielen anderen Bereichen, die Common Sense, Abstraktionsvermögen und die Bewältigung unvorhergesehener Situationen erfordern, nicht nützlich sind.

Ihr Vortrag heißt „Künstliche Intelligenz - Bedrohung oder Perspektive?“ Lässt sich diese Frage aus heutiger Sicht überhaupt eindeutig beantworten?

Nein, zumal die Art, wie KI in der Praxis verwendet werden wird, nicht deterministisch ist, sondern von menschlichen Entscheidungen abhängt. KI bietet in einigen Bereichen Perspektiven, zum Beispiel könnte autonome Mobilität die Zahl von Verkehrsunfällen drastisch senken. Sie kann bedrohlich sein, wenn sie beispielsweise in autoritären Staaten zur totalen Überwachung eingesetzt wird. In Zukunft werden in solchen Staaten keine Denunzianten mehr benötigt, um unliebsame Bürger ausfindig zu machen. Die Menschen werden sich durch die Vielzahl von Daten, die sie im Laufe vieler Jahre hinterlassen haben, selbst denunzieren.

Sollten wir Ihrer Meinung nach schon heute bei der rasanten technologischen Entwicklung gegensteuern? Muss es rechtliche, ethische und gesellschaftliche Kontroll-Instanzen geben?

Mit einfachem Gegensteuern würden wir auch viele nützliche Anwendungen ausbremsen. Aber Kontrollinstanzen muss es in jedem Fall geben. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn ich als Wissenschaftler eine empirische Studie durchführe, werde ich bestraft, wenn ich lax mit der Datensicherheit umgehe oder durch die Art der Befragung einzelne Befragte persönlich identifiziert werden können. Für Unternehmen gibt es solche Regeln nur ansatzweise. Den meisten Bürgern ist nicht klar, dass sich Unternehmen wie Facebook oder Google nicht allein über Werbung, sondern vor allem auch über den Verkauf persönlicher Daten finanzieren, wie der Skandal um Cambridge Analytica gezeigt hat.

Der Vortrag von Andreas Mayert am Donnerstag, 13. September, beginnt um 18.30 Uhr in der Johannisgemeinde, Johanniskirchhof 2.

Von Markus Scharf

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Göttingen Wiederentdeckte Komponisten - Abendmusik in St. Nikolai

Zwölf Kartons gefüllt mit Werken unbekannter Kompositionen aus dem 18. Jahrhundert: Dieser Schatz lagert in der Göttinger Staats-und Universitätsbibliothek. Jetzt wird er gehoben: Die Georg-Friedrich-Einicke-Gesellschaft und der Wissenschaftler Arne zur Nieden bringen die Werke zur Aufführung.

11.09.2018

Um Denksport, Geschicklichkeit und sportliche Herausforderungen dreht sich vom 14. bis 16. September die erste Harzer Uni-Challenge. Studenten-Teams von fünf Universitäten treten gegeneinander an.

11.09.2018

Einen „fantastischen Erfolg vor dem nahen Abschluss der Mission“ meldet das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt am Ende der Exkursion zum Asteroiden Ceres. Das MPS Göttingen ist beteiligt.

10.09.2018
Anzeige