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Kultureller Verfall oder kreativer Wandel?

Deutsche Sprache der Gegenwart Kultureller Verfall oder kreativer Wandel?

Sprache regt auf – und Aufregen ist eine Beschäftigung mit Sprache.“ So eröffnete Professor Albert Busch vom Institut für Philologie am Mittwoch seinen Vortrag zum Thema „Deutsche Sprache der Gegenwart oder das Unbehagen an der Sprachkultur“ im Zentralen Hörsaalgebäude der Göttinger Universität.

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Quelle: Surrey

Kernthemen waren zum einen die innere Mehrsprachigkeit des Deutschen, also Auffälligkeiten und Abweichungen, die charakteristisch für die Sprache der Gegenwart sind. Zum anderen sprach Busch von dem Unbehagen, das durch Tendenzen deutscher Gegenwartssprache ausgelöst wird: der Kritik an einer scheinbaren „Verlotterung der Sprache“. Das Göttinger „Zentrum für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer“ hatte den Vortrag organisiert.

Was fällt auf, was regt auf an heutiger Sprache? Busch nannte die Jugendsprache als ein Reizthema, aber auch eine „Elektronisierung des Wortschatzes“, einhergehend mit „konzeptioneller Mündlichkeit“ – im Internet wird geschrieben, wie man spricht, mit Worten und Abkürzungen, die sich direkt aus diesem Medium generieren. Dementsprechend sei es auch logisch, so Busch, dass immer mehr Anglizismen die deutsche Sprache durchziehen: „Das global village braucht eine sprachliche Basis“. Englisch werde multinationales Verständigungsmittel, daher bräuchten wir „keine Anglizismendiskussion, sondern eine Internationalisierungsdiskussion“, sagte er.

Laut Busch kommt es weniger zu einem Verfall als vielmehr zu neuer Formenvielfalt der Sprache. Dies nannte er das „Trampelpfadmodell“: Wo einige gehen, folgen andere, bis der Pfad zum regulären Weg geworden ist – weil er funktioniert. „Das ist Sprachwandel“, sagte Busch. Es existiert eine Standardsprache, eine „Sprache für alle“. Hinzu kommen Varietäten, Sprachen in der Sprache. Diese seien von außersprachlichen Faktoren abhängig, so Busch: Beispiele sind diatopische, also ortsabhängige Faktoren wie Dialekte, diastratische, also von der sozialen Schicht abhängige, oder auch diasituative, situationsbedingte Faktoren. Hier nannte Busch den „Baby Talk“: Die Sprechweise, in die Erwachsene gegenüber Kleinkindern verfallen.

Eine technisierte Sprache sei, genau wie eine Fach- oder Jugendsprache, eine Varietät innerhalb der Standardsprache. Dies nannte Busch die „innere Mehrsprachigkeit des Deutschen“ und stellte kurz drei wissenschaftliche Modelle vor, die diese Aufgliederung innerhalb der Standardsprache schematisch erläutern. „Diese Varietäten sind spannend, normabweichend und kreativ. Zumindest, wenn parallel die Standardsprache beherrscht wird“, betonte er.
Denn es sei durchaus ein Problem, dass diese oft nicht richtig erlernt werde, räumte Busch in der anschließenden Diskussion ein. Ob sich aber tatsächlich der Wortschatz verringere, sei noch nicht ausreichend durch Studien belegt. So bezog Busch Stellung zum zweiten Thema seines Vortrags: Die Angst vor einer „Verlotterung“ des Deutschen.

Sprache ist veränderbar

Umfragen zufolge fänden 26,5 Prozent der Deutschen die derzeitige Entwicklung ihrer Sprache „besorgniserregend“, 65Prozent seien sogar der Meinung, die Sprache drohe „immer mehr zu verkommen“. Aber: „Man muss diese Skepsis überhaupt nicht teilen.“ Busch zeigte beide Seiten des Spannungsbogens, in dem sich diese Sprachkritik bewegen kann. Er zitierte den Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant, der dem Deutschen eine düstere Zukunft prophezeit: Die „kulturelle Mutlosigkeit seiner Sprecher“ und „die verschwundene Liebe zu dieser Sprache“ bereiteten „der Kultursprache Deutsch ein Ende“.

Die andere, hoffnungsvollere Seite repräsentierte ein Leserbrief aus der Süddeutschen Zeitung, dessen Autor betont, dass junge Literaten und die Hip-Hop-Szene die Sprache „in erfrischender, lustvoller, kraftvoller und unkonventioneller Weise“ entdecken.
Busch wies darauf hin, dass es in der Kritik meistens weniger um Sprache als vielmehr um Werte gehe, etwa wenn Walter Krämer vom „Verein Deutsche Sprache“ in der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ von der „modernen deutsch-englischen Schimpansensprache“ spricht. Eine linguistisch begründete Sprachkritik dürfe kein bloßes Meckern sein, sondern müsse „moralisch verwerfliche Wortbildungen zurückdrängen“.

Zur befürchteten Verlotterung des Deutschen sagte Albert Busch deutlich: „Ich kenne keinen Sprachverfall.“ Sprachwandel folge immer dem nützlichsten Weg. Und auch Vorgaben, was gut und schlecht ist, seien veränderbar: Gerade im Internet könne gutes Deutsch auch die Kurzform sein.

Von Helge Dickau

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