Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Diebstahl in der Uni-Kunstsammlung: Verschwundenes Bild aufgetaucht
Campus Göttingen Diebstahl in der Uni-Kunstsammlung: Verschwundenes Bild aufgetaucht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:39 04.12.2018
Kreuztragung Jesu vor der Kulisse Roms (Ausschnitt). Quelle: R
Göttingen

Zwei Männer besuchen am 26. Januar 1973 die Kunstsammlung der Universität in Göttingen. Sie heucheln Interesse, „lenken den Aufseher ab kneifen die Schrauben einer verschlossenen Vitrine durch, lösen ein Gemälde aus dem Rahmen und ersetzen es durch eine billige Farb­reproduktion eines anderen Kunstwerks“. 1974 sei das Bild eines der meist gesuchten Gemälde bei Interpol gewesen, sagt Anne-Katrin Sors, Leiterin der Kunstsammlung. Die Göttinger Kunsthistorikerin Lisa Marie Roemer hatte den Fall aus der Versenkung geholt, die Fakten recherchiert und im Dezember 2014 in der Reihe „Kunstwerk des Monats“ vorgestellt.

Gewerblicher Hausratsverwerter

Der „Bild“-Sportchef Walter M. Straten sammelt seit Jahren Alte Meister. Bei der Durchsicht des Angebots des Münchner Auktionshauses Neumeister stieß er auf ein Werk, das seine Aufmerksamkeit erregte. Es zeigte die Kreuztragung Jesu, allerdings vor der Kulisse einer Ansicht Roms, gemalt auf einer Kupferplatte. Rund 1000 Euro sollte das Bild bringen – „ein Schnäppchen“, fand Straten. Denn er ordnete es Jan Brueghel d. Ä (1568-1625) zu, einem wahrhaften Meister aus Flamen, oder einem seiner Schüler. Im ersten Fall hätte das Bild bis zu 200000 Euro einbringen können, im zweiten immerhin noch 15000 Euro oder mehr. Der Mann, der von sich sagt, er sei „der einzige Sportredakteur, der Alte Meister sammelt“, begann zu recherchieren.

Fündig wurde er bei der Kunstsammlung der Universität. Er habe im Internet den Vortrag von Roemer, das beigefügte Foto entdeckt und bei der Kunstsammlung angerufen. „Ich glaube, ich weiß, wo ihr Bild ist“, habe er Sors am Telefon mitgeteilt. Die Geschäftsführerin des Auktionshauses, das das Bild in der Versteigerung hatte, habe zwar erst nach einigen Tagen geantwortet, dann allerdings ausführlich. „Der Einlieferer ist ein gewerblicher Hausratsverwerter, der das Gemälde seit einigen Jahren in seinem Besitz hat und leider nicht erinnert, wo er es her hatte.“

Das Landeskriminalamt ermittelt

Inzwischen ermittelt das Landeskriminalamt in dem Kunstkrimi. Dass es sich um eine Fälschung handelt könnte, ist eher unwahrscheinlich, meint Straten. Immerhin stimme die Inventarnummer 63 auf der Rückseite des Bildes mit der Nummer der Sammlung überein. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit handelt es sich um das Original.

Sammlungsleiterin Sors hält die Geschichte von dem Einlieferer, wie die Anbieter bei Auktionsgegenständen genannt werden, für nicht abwegig. Es sei ohne Herkunftsbeleg und ohne Hinweis auf Brueghel als möglichem Urheber zur Auktion gekommen. Das mindere den Preis deutlich. Allerdings hegt sie auch Zweifel an der Urheberschaft des großen Flamen. Die Herkunft sei schon in den 1950er-Jahren infrage gestellt worden. Der Versicherungswert in den 1970er-Jahren: 60000 Mark. Auch Straten bezweifelt die Urheberschaft Breughels. Er könne sich aber zwei andere Maler aus der Zeit Breughels als Urheber vorstellen.

Entspannte Reaktion des Verkäufers

Ob das Kunstwerk zurück in die Kunstsammlung gelangt, ist bislang nicht geklärt. Die Verjährung nach 30 Jahren greife nicht, teilt Sors mit. Möglicherweise bringt das Kulturschutzgesetz eine Lösung. Laut Sors dürfen Kulturgüter nicht in Umlauf gebracht werden. Der Verkäufer des Bildes habe übrigens entspannt reagiert. Er sei an einer Lösung interessiert, berichtet Straten von der Auskunft des Auktionshauses.

Vor einer Woche erst war ein weiteres wertvolles Gemälde nach 40 Jahren wieder aufgetaucht. Zwei Werke Emil Noldes waren aus verschlossenen Büros des NDR verschwunden. Eine 80-jährige Witwe meldete sich jetzt bei dem Sender. Seit vielen Jahren sei eines der Bilder in ihrem Besitz gewesen. Erst jüngst habe sich herausgestellt, dass es ein Nolde-Werk sei. Sie habe es von ihrem gestorbenen Mann geerbt, der es von einem Freund geschenkt bekommen hatte – einem NDR-Mitarbeiter. Schätzwert: 1,2 Millionen.

Für den „Bild“-Sportchef war sein Fund Anlass für eine aufregende Erinnerung. Das erste Werk seiner Sammlung hatte er auch bei einer Versteigerung erworben, eine Kirchenansicht aus Florenz, gemalt im 19. Jahrhundert – ersteigert im Rohns’schen Badehaus im Göttinger Cheltenham-Park. Damals sei er noch nicht so streng gewesen, so Straten. Um Eingang in seine Sammlung zu finden „muss ein Maler heute mindestens 300 Jahre tot sein.“

Von Peter Krüger-Lenz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Göttingen Gäste der Trott-Lecture - Göttinger erkunden Oxford

Ein Politiker, zwei Wissenschaftler und zwei Studentengruppen aus Göttingen waren zu Gast in Oxford. Anlass war die Adam von Trott Memorial Lecture.

03.12.2018

Das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation (MPIDS) Göttingen hat erforscht, wie sich ein optimales Netzwerk entwerfen lässt, das äußere Schwankungen optimal unterdrückt. Die Entwürfe weisen eine verblüffende Ähnlichkeit mit biologischen Venennetzen auf, wie sie in Pflanzenblättern, Schleimpilzen und menschlichen Gefäßen vorkommen.

03.12.2018

Die Polizei hat schnelle Arbeit geleistet: Im Fall des getöteten 28-jährigen Göttingers hat sie bereits vier verdächtige Männer festgenommen. Alle vier sind 19 Jahre alt.

03.12.2018