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Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten mit Tipps für Studierende

Wenn der Countdown läuft Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten mit Tipps für Studierende

Das Problem der „Aufschieberitis“ hat auch den Namen Prokrastination. Diese macht vielen Studierenden das Leben schwer und sorgt oft für Probleme und Zeitdruck, wenn es um die Semesterarbeiten geht. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag öffnete die Niedersächsische  Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) deshalb ihre Türen für Studierende zur  „5. Internationalen Langen Nacht der (aufgeschobenen) Hausarbeiten“.

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Kurz vor Mitternacht konnten die Studierenden ihre Gemüter durch leichte sportliche Betätigung wiedererwecken.

Quelle: Hellwig/Heller

Göttingen. „Als wir vor fünf Jahren zum ersten Mal eine Schreibnacht anboten, hatten wir 20 Plätze im Seminarraum organisiert. Vor unserer Tür standen aber 80 Interessierte“, erinnert sich Melanie Brinkschulte, Leiterin des Internationalen Schreibzentrums. So findet das Programm seitdem in der SUB statt. In diesem Jahr hatten Studierenden die Möglichkeit, sich Vorträge zum Schreiben und Recherchieren, zum Verwalten von Literaturquellen und zum Thema Prokrastination anzuhören. Den Einstieg in das abendliche Programm stellte eine Podiumsdiskussion zur Notwendigkeit einer Ausbildung im akademischen Schreiben dar. „Viele Studierende fangen zu früh an, zu schreiben“, erklärte Prof. Ruth Florack, Germanistin und Vizepräsidentin der Universität Göttingen.

„Es ist wichtig, dass man weiß, was man überhaupt schreiben möchte – bevor man damit anfängt“, erläuterte sie. Häufig kommen Studierende in die Schreibberatung, weil sie nicht weiter wissen, aber ihre Schreibblockade wenigstens erkennen. Doch nicht nur Schreibblockaden stellen ein Hindernis für das Fertigstellen von Hausarbeiten dar. Passend zum Motto der aufgeschobenen Hausarbeiten war der Vortrag von Christel Winkelbach, Psychosoziale Beratungsstelle des Studentenwerks, besonders gut besucht. Sie erklärte, dass das Problem der Prokrastination oft tatsächlich wenig mit Faulheit zu tun hat. „Da stecken oft ganz andere Probleme dahinter: Die Angst vor dem Erfolg ist da genauso ein Problem, wie die Angst vor dem Misserfolg. Ein typisches Problem ist auch der Gedanke: Ich habe ja noch genug Zeit“, berichtete sie. Diese Gedanken sorgten für Unwohlsein.

Um das zu vermeiden, habe jeder ganz eigene Strategien. Die einen checkten ständig und ausführlich ihre E-Mails, andere putzten plötzlich gerne alles blitzeblank. Winkelbachs Zuhörer lachten. Daraufhin präsentierte sie Lösungsvorschläge: Ein Tagesprotokoll schreiben - herausfinden, was  die Hindernisfaktoren sind und diese beseitigen. Die Ansprüche an sich selber senken. Einen Übersichtsplan erstellen, kleine Ziele setzen, Pausen einplanen, sich selber belohnen. Und vor allem eines: einen Countdown stellen, anfangen. Jetzt sofort. „Mit dem Anfangen habe ich eigentlich selten ein Problem“, erzählte Lea Grüter (23). „Meine Schwierigkeit ist vor allem, dass ich nach einiger Zeit Blockaden bekomme“, schilderte die Studentin der Fächer Französisch und Kunstgeschichte. „Ich muss mich dann immer zwingen, einfach weiterzumachen. Irgendwann überwindet man den kritischen Punkt“, erklärte sie.

Damit stimmt sie auch mit den Ansichten der Schreibberatung überein. So plädierte Brinkschulte für „Free Writing“ – einer Form des kreativen Schreibens, in der man alle Gedanken aufschreibt und erst im Nachhinein strukturiert.  Auch Leas Freundin Yaz Ertürk (25) freute sich über das Angebot des gemeinsamen nächtlichen Schreibens. Besonders der Kurs zum Zitierprogramm „Zotero“ habe ihr geholfen. „Ich lege Wert auf regelmäßige Pausen. Ich setze mir Ziele und gönne mir abends Freizeit“, offenbarte sie ihre Arbeitsstrategie, die der Prokrastination keine Chance gibt.

Von Theresa Hellwig

Wasser für die Kakteen

Es gibt diese Tage: Facebook hat es mal wieder geschafft, und mich erfolgreich vom Schreiben meiner Hausarbeit fürs Studium abgelenkt. Ich ärgere mich über mich selbst. Bis Mitte März muss ich drei Hausarbeiten abgegeben haben, mit der letzten habe ich noch nicht einmal begonnen.

Ich weiß genau: Es könnte so schnell gehen, wenn ich anfangen würde. Innerlich baut sich Druck auf – und doch, ständig finde ich Ablenkung. Meine Kakteen ertrinken fast, aber ich meine, sie haben Durst. Also, Wasser holen, Pflanzen gießen und darüber nachdenken, an welch trockenen Orten sie in der Natur gedeihen.

Offensichtlich bin ich in diesem Moment ein Paradebeispiel für das Wort „Prokrastination“. Ich bin verzweifelt und sauer auf mich selbst. Deshalb wage ich – mittlerweile im fünften Semester – mal etwas Neues: Ich besuche die  „5. Internationale Lange Nacht der (aufgeschobenen) Hausarbeiten“. Auf dem Programm steht der „Vortrag der Psychosozialen Beratung: Strategien gegen das Aufschieben“. Das passt, denke ich, und höre mir diesen an. Ich solle mir einen Countdown setzen, wird mir beigebracht. Meine Ansprüche an mich selber senken. Einen Lernplan erstellen. Mir kleine, konkrete Ziele setzen. Mich für getane Arbeit belohnen. Es klingt alles zu gut, um zu funktionieren – und doch plane ich, es dieses Mal wirklich so zu machen. So schwer kann das doch nicht sein, auch wenn es die vergangenen Semester nie funktioniert hat.

Bis drei Uhr nachts habe ich Zeit. Ich setze mich an meinen Laptop – und öffne erst einmal Facebook. Mein inneres Ich schaut böse. Also schließe ich Facebook und beginne, diesen Tageblatt-Beitrag zu schreiben. Es ist abends, der Zeitdruck erhöht sich, eine Schwelle ist überschritten – ich kann plötzlich arbeiten, ohne mich abzulenken. Es ist nachts um halb zwei. Mein Kopf sträubt sich gegen das Denken. Na gut, denke ich, es reicht für heute. Ich finde genug Gründe für mich, die Hausarbeit abermals aufzuschieben. Morgen, sage ich mir. Morgen fange ich an! Und ich sage mir, es wird funktionieren. Im Vortrag habe ich doch gelernt, ich solle einen Countdown setzen. Und unter Druck kann ich schließlich besser arbeiten. Und überhaupt: Immerhin habe ich ja meinen   Tageblatt-Bericht fertig. Die entscheidende Frage aber bleibt: Wozu dieser Stress, der allein durch das Aufschieben entsteht - wo es doch auch so viel angenehmer ginge? Theresa Hellwig

Die Autorin studiert an der Georg-August-Universität Kulturanthropologie und Politikwissenschaft

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