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Göttingen Leibniz-Preis für die Göttingerinnen Melina Schuh und Ayelet Shachar
Campus Göttingen Leibniz-Preis für die Göttingerinnen Melina Schuh und Ayelet Shachar
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21:30 06.12.2018
Dr. Melina Schuh, Direktorin am MPI für biophysikalische Chemie. Quelle: Böttcher-Gajewski
Göttingen

Schuh ist Direktorin am MPI für biophysikalische Chemie, Shachar arbeitet am MPI zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften. Der Leibniz-Preis ist der wichtigste deutsche Forschungsförderpreis. Die Auszeichnung ist mit bis zu 2,5 Millionen Euro pro Preisträger dotiert.

Die DFG zeichnet die Göttinger Biochemikerin Schuh für „ihre wegweisenden Arbeiten zur Entwicklung befruchtungsfähiger Eizellen aus“, so Carmen Rotte, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit des MPI für biophysikalische Chemie. „Für mich bedeutet dieser Preis eine sehr große Ehre“, sagte Schuh am Donnerstagmittag in einer ersten Reaktion gegenüber dem Göttinger Tageblatt. „Ich danke dem Team, früheren und jetzigen Mitgliedern, die mit ganz toller Arbeit diese Auszeichnung möglich gemacht haben. Mit Geschenken für meine Kinder habe ich am Nikolaustag gerechnet, für mich nicht.“

Leibniz-Preis für „bahnbrechende Forschungsarbeiten“

Mit Schuh haben 14 Wissenschaftler, die am MPI für biophysikalische Chemie forschen oder geforscht haben, den renommierten Preis erhalten, so Carmen Rotte. Dirk Görlich, geschäftsführender Direktor des MPI für biophysikalische Chemie, gratulierte mit einem Riesen-Lob: „Es ist ein großartiger Erfolg für Melina Schuh, dass sie für ihre bahnbrechenden Forschungsarbeiten nun mit dem renommierten Leibniz-Preis ausgezeichnet wird. Wir freuen uns außerordentlich mit unserer Kollegin über diese tolle Anerkennung.“ Die Forschung darüber, wie sich befruchtungsfähige Eizellen entwickeln, sei wissenschaftlich „äußerst interessant und gesellschaftlich von hoher Relevanz“, so Grölich. „Wie entsteht neues Leben? Und was sind die Folgen, wenn es in der Eizell-Entwicklung zu Fehlern kommt? Melina Schuhs Arbeiten haben maßgeblich dazu beigetragen, dass wir heute besser verstehen, wie Chromosomen-Anomalien beispielsweise zu Down-Syndrom, Fehlgeburten und Unfruchtbarkeit führen können.“

Hilfe für Frauen mit Kinderwunsch

Zunehmend mehr Paare, so Rotte, entschieden sich „erst spät für Nachwuchs“. Doch der Aufschub sei nicht frei von Risiken. Denn „die Qualität unreifer Eizellen, die bereits von Geburt an bei jeder Frau angelegt sind, nimmt mit deren Alter ab“. Gleichzeitig steige die Wahrscheinlichkeit für Fehlgeburten oder ein Kind mit chromosomalen Anomalien wie dem Down-Syndrom. „Unsere Erkenntnisse tragen dazu bei, besser zu verstehen, wie befruchtungsfähige Eizellen entstehen und warum Kinder älterer Frauen häufiger unter Chromosomenanomalien leiden als die jüngerer. Dieses Wissen könnte zukünftig helfen, Frauen in ihren späten 30ern und frühen 40ern ihren Kinderwunsch zu erfüllen“, sagt die 38-jährige Leibniz-Preisträgerin.

„Eine der führenden Expertinnen“

„Die multidisziplinären Arbeiten von Ayelet Shachar zu Staatsbürgerschaft und rechtlichen Rahmenbedingungen in multikulturellen Gesellschaften haben sie zu einer der führenden Expertinnen auf diesem Gebiet werden lassen, als die sie nun den Leibniz-Preis 2019 erhält“, teilte die DFG mit. Seit 2015 ist die 52-jährige Rechts- und Politikwissenschaftlerin Direktorin am Göttinger MPI zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften.

„Die Auszeichnung der wegweisenden Arbeiten von Ayelet Shachar mit dem renommierten Leibniz-Preis ist eine große Anerkennung für ihre Leistungen“, gratulierte der geschäftsführende Direktor des MPI MMG, Steven Vertovec, der interdisziplinär zu rechtlichen, politischen und ethischen Fragen arbeitenden Wissenschaftlerin.

Shachar: „Freue mich besonders, dass zwei weitere Max-Planck-Direktorinnen zu den Preisträgerinnen 2019 zählen

In einer ersten Stellungnahme zeigte sich Shachar überrascht und überwältigt vom Empfang des Preises, teilte Norbert Winnige (MPI MMG) mit. „Ich fühle mich sehr geehrt und dankbar. Besonders freue ich mich, dass zwei weitere Max-Planck-Direktorinnen zu den Preisträgerinnen 2019 zählen“, so Shachar. Für das Institut bedeute der Preis die Anerkennung der exzellenten Forschung zu den kritischen Themen Staatsbürgerschaft, Migration und gesellschaftliche Diversität. „Der großzügig dotierte Preis wird ihr zusätzliche Arbeiten auf ihrem Forschungsfeld ermöglichen“, so Winnige.

Prof. Dr. Ayelet Shachar arbeitet am MPI zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften Quelle: r

Von der Chinesischen Mauer bis zur Berliner Mauer waren Grenzen immer ein Symbol für Souveränität, staatliche Gewalt und Rechtshoheit, so Winnige. Inzwischen sei ein „neues, bemerkenswertes Phänomen entstanden: ,shifting borders’, bewegliche Grenzen“. Diese Grenzen würden nicht durch den Raum bestimmt, „sondern beruhen auf ausgefeilten Rechtsinstrumenten. Reiche Länder setzen sie ein, um Zuwanderung unabhängig von festen territorialen Standorten zu regeln.“ Diese Neuerfindung beruhe auf juristischen Zugängen und nicht auf bestimmten Grenzorten, „was dramatische Folgen für die Rechte und den Schutz von Migranten und anderen Menschen ohne entsprechende Staatsangehörigkeit hat. Diese besorgniserregende Entwicklung rund um das Staatsangehörigkeitsrecht untersucht Ayelet Shachar in einem aktuellen Projekt.“

Aufenthaltsrechte für Investoren: „citizenship on sale“

Während „unliebsame Migranten durch ‚kreative‘ rechtliche Regelungen von den Grenzen ferngehalten werden“, würden immer mehr Länder Programme auflegen, „die Investoren dauerhafte Aufenthaltsrechte zusagen“, so Winnige. „Die Preise für ,citizenship on sale’ betragen je nach Land zwischen mehreren Hunderttausend und mehrere Millionen Euro, Dollar oder Pfund.“

Bereits mit ihrem ersten, 2001 erschienenen Buch „Multicultural Jurisdictions: Cultural Differences and Women’s Rights“ habe Shachar „weltweit Resonanz“ erzielt, so die DFG in ihrer Mitteilung. „Darin untersuchte sie den Status von Frauen in religiösen Minderheiten und analysierte die Spannungen zwischen Traditionen, religiöser Diversität und der allgemeinen Norm der Geschlechtergleichheit.“

In ihrem zweiten Buch „The Birthright Lottery: Citizenship and Global Inequality“ (2009) habeb sich Shachar mit Fragen der Gerechtigkeit beschäftigt, „die sich daraus ergeben, dass Staatsbürgerschaft typischerweise nicht aufgrund eigener Verdienste, sondern zufällig erworben wird“. Sie hätte gefordert, dass diejenigen, „die in der Staatsbürgerlotterie größere Gewinne erzielt haben, die Ungleichheiten in der weltweiten Verteilung von Chancen abmildern, etwa in Form transnationaler Verpflichtungen von wohlhabenden gegenüber ärmeren Staaten“.

In jüngster Zeit habe sich Shachar mit dem Phänomen der „shifting borders“, der „Lösung nationalstaatlicher Grenzregimes von einem klar definierten Territorium hin zu flexiblen und variablen Zonen und Orten, in denen intensivere Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen erlaubt sind“, gewidmet.

Vier Wissenschaftlerinnen und sechs Wissenschaftler

Der Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat am Donnerstag vier Wissenschaftlerinnen und sechs Wissenschaftlern den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis 2019 zuerkannt. Sie wurden zuvor vom Auswahlausschuss aus 122 Vorschlägen ausgewählt worden. Von den zehn Preisträgerinnen und Preisträgern kommen jeweils drei aus den Geistes- und Sozialwissenschaften und den Lebenswissenschaften sowie jeweils zwei aus den Naturwissenschaften und den Ingenieurwissenschaften.

Die Ausgezeichneten erhalten je ein Preisgeld von 2,5 Millionen Euro. Diese Gelder können die Preisträgerinnen und Preisträger bis zu sieben Jahre lang nach ihren eigenen Vorstellungen und ohne bürokratischen Aufwand für ihre Forschungsarbeit verwenden. Verliehen werden die Leibniz-Preise 2019 am 13. März in Berlin.

Die weiteren Preisträger 2019

• Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin, Robotik, Technische Universität München

• Prof. Dr. Rupert Huber, Experimentelle Physik, Universität Regensburg

• Prof. Dr. Andreas Reckwitz, Soziologie, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder

• Prof. Dr. Hans-Reimer Rodewald, Immunologie, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg

• Prof. Dr. Brenda Schulman, Biochemie, Max-Planck-Institut für Biochemie (MPIB), Martinsried

• Prof. Dr. Michèle Tertilt, Wirtschaftswissenschaften, Universität Mannheim

• Prof. Dr. Wolfgang Wernsdorfer, Experimentelle Festkörperphysik, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

• Prof. Dr.-Ing. Matthias Wessling, Chemische Verfahrenstechnik, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen und Leibniz-Institut für Interaktive Materialien (DWI), Aachen

395 Preisträger seit 1986

Der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis wird seit 1986 jährlich von der DFG verliehen. Pro Jahr könnten bis zu zehn Preise mit einer Preissumme von jeweils 2,5 Millionen Euro verliehen werden, heißt es dazu von der DFG.

Mit den zehn Preisen für 2019 sind bislang insgesamt 368 Leibniz-Preise vergeben worden. Davon gingen 120 in die Naturwissenschaften, 106 in die Lebenswissenschaften, 85 in die Geistes- und zwei Sozialwissenschaften und 57 in die Ingenieurwissenschaften. Da Preis und Preisgeld in Ausnahmefällen geteilt werden können, ist die Zahl der Ausgezeichneten höher als die der Preise.

Insgesamt haben bislang 395 Nominierte den Preis erhalten, darunter 339 Wissenschaftler und 56 Wissenschaftlerinnen. Eine Leibniz-Preisträgerin und sechs Leibniz-Preisträger haben nach der Auszeichnung mit dem wichtigsten Forschungsförderpreis in Deutschland auch den Nobelpreis erhalten: 1988 Prof. Dr. Hartmut Michel (Chemie), 1991 Prof. Dr. Erwin Neher und Prof. Dr. Bert Sakmann (beide Medizin), 1995 Prof. Dr. Christiane Nüsslein-Volhard (Medizin), 2005 Prof. Dr. Theodor W. Hänsch (Physik), 2007 Prof. Dr. Gerhard Ertl (Chemie) sowie 2014 Prof. Dr. Stefan W. Hell (Chemie).

Die Göttinger Preisträger im Kurzporträt der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Dr. Melina Schuh (38), Zellbiologie, Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie (Karl-Friedrich-Bonhoeffer-Institut)

Dr. Melina Schuh und Dr. Binyam Mogessie im Mikroskopie-Labor der Abteilung Meiose. Quelle: Böttcher-Gajewski

Melina Schuh wird für ihre grundlegenden Forschungen zur Fortpflanzungsbiologie mit dem Leibniz-Preis 2019 ausgezeichnet. Darin beschäftigte sie sich vor allem mit der Reifeteilung von Eizellen, der Meiose. Dieser Prozess bildet die Grundlage für die sexuelle Vermehrung von höheren Organismen.

Die Erforschung der grundlegenden Mechanismen der Ei-Entwicklung in Säugetieren ist kompliziert, da Eizellen nur in geringen Mengen zur Verfügung stehen und sie sich je nach Spezies unterschiedlich entwickeln. Melina Schuh konnte jedoch zeigen, dass sich humane Eizellen deutlich von Mäuse-Eizellen unterscheiden und die Arbeit mit Mausmodellen deshalb nur bedingt Erkenntnisse zur menschlichen Fruchtbarkeit und Reproduktion liefert. Sie entwickelte zudem eine Vorgehensweise, um die Chromosomensegregation in einzelnen menschlichen Eizellen durch bildgebende Verfahren zu verfolgen. Auf diese Weise konnte sie auch die fehlerhafte Segregation eingehender untersuchen, die unter anderem zur Trisomie 21 führen kann.

Um einzelne Proteine in Eizellen gezielt ausschalten und so ihre molekularen Funktionen bei der Reifeteilung aufklären zu können, entwickelte Schuh ein Verfahren zur gezielten Manipulation der Gen-Ausprägung, die sie live im Mikroskop beobachten konnte. Mit diesem Verfahren sollen in Zukunft neue Ansätze für die Behandlung von Fruchtbarkeitsverlusten und Erbkrankheiten beim Menschen entwickelt werden.

Nach dem Studium der Biochemie in Bayreuth wurde Melina Schuh 2008 am Europäischen Molekularbiologie Laboratorium (EMBL) in Heidelberg promoviert. Im Anschluss wechselte sie als Gruppenleiterin an das MRC Laboratory of Molecular Biology in Cambridge, an dem sie zuletzt als Programme Leader tätig war. 2016 wurde Schuh als Direktorin der Abteilung Meiose an das MaxPlanck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen berufen.

Prof. Ayelet Shachar (52), Rechts- und Politikwissenschaften, Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften, Göttingen

Die multidisziplinären Arbeiten von Ayelet Shachar zu Staatsbürgerschaft und rechtlichen Rahmenbedingungen in Multikulturellen Gesellschaften haben sie zu einer der führenden Expertinnen auf diesem Gebiet werden lassen, als die sie nun den Leibniz-Preis 2019 erhält. Bereits mit ihrem ersten, 2001 erschienenen Buch „Multicultural Jurisdictions: Cultural Differences and Women’s Rights“ erzielte Shachar weltweit Resonanz. Darin untersuchte sie den Status von Frauen in religiösen Minderheiten und analysierte die Spannungen zwischen Traditionen, religiöser Diversität und der allgemeinen Norm der Geschlechtergleichheit.

In ihrem zweiten Buch „The Birthright Lottery: Citizenship and Global Inequality“ (2009) beschäftigte Shachar sich mit Fragen der Gerechtigkeit, die sich daraus ergeben, dass Staatsbürgerschaft typischerweise nicht aufgrund eigener Verdienste, sondern zufällig erworben wird. Sie forderte, dass diejenigen, die in der „Staatsbürgerlotterie“ größere Gewinne erzielt haben, die Ungleichheiten in der weltweiten Verteilung von Chancen abmildern, etwa in Form transnationaler Verpflichtungen von wohlhabenden gegenüber ärmeren Staaten. In jüngster Zeit widmete Shachar sich dem Phänomen der „shifting borders“, also der Lösung nationalstaatlicher Grenzregimes von einem klar definierten Territorium hin zu flexiblen und variablen Zonen und Orten, in denen intensivere Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen erlaubt sind.

Ayelet Shachar studierte Politik und Rechtswissenschaften an der Universität Tel Aviv. Ihren Doktortitel erwarb sie 1997 an der Yale Law School in den USA, um danach an der Universität Toronto, Kanada, in verschiedenen Positionen ihrer Lehrtätigkeit nachzugehen. 2007 wurde sie von der Universität Toronto auf den Canada Research Chair in Citizenship and Multiculturalism berufen. Seit 2015 ist Shachar Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen.

Von mib/ski/r

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