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Nakba-Schau sorgt für Kontroversen

Leserbriefe Nakba-Schau sorgt für Kontroversen

Über die „Ausstellung „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ wird in Göttingen kontrovers diskutiert. Kritiker bemängeln, die Schau sei einseitig und beziehe jüdische Meinungen zum Thema nicht ein. In den Räumen der Universität Göttingen soll die Ausstellung nun erst einmal nicht gezeigt werden, nachdem die Eröffnung bereits mehrfach verschoben wurde.

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Absperrungen und Mauern in Israel zeigen die Fotografien von Kai Wiedenhöfer. Nach der Ausstellung „Wall“ wird in der Galerie Alte Feuerwache in Göttingen die Nakba-Ausstellung gezeigt werden.

Quelle: Wenzel

Stattdessen wurde nun auf Initiative von zwei Universitätsprofessoren und der Göttinger Regionalgruppe der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft die Galerie Alte Feuerwache als neuer Ausstellungsort gefunden. Die Macher der Schau erhalten auch Unterstützung für ihr Anliegen –   eine offene Auseinandersetzung mit den in der Ausstellung vertretenen Positionen wird gefordert.

 

Anliegen wurde unterschlagen

Betr.: „Man hätte eine Gegenstimme gehabt“ vom 7. November
In bereits vier Presseartikeln hat sich das Göttinger Tageblatt zur Diskussion um die Nakba-Ausstellung an der Universität Göttingen geäußert und trotz der erhobenen Kritik nicht einmal mit den Urhebern der Ausstellung, dem Verein „Flüchtlingskinder im Libanon e.V.“, Kontakt aufgenommen. Das schlichte Anliegen der Ausstellung, die bei uns in Deutschland weitgehend unbekannte, palästinensische Sichtweise auf die Zeit um 1948 darzustellen, wurde dadurch unterschlagen.
Problematisch wird es für uns als gemeinnützigen Verein, wenn mit dem Hinweis auf Fotos von Kindern unserer Partner in Militäruniform der Eindruck erzeugt wird, unsere Partner würden ihre Kinder zum Kampf gegen Israel erziehen. Tatsächlich waren solche Fotos Anfang 2014 auf einer von jungen Palästinensern betriebenen Facebookseite eines der Sozialzentren unserer Partner für kurze Zeit zu sehen. Sie waren bei einer Gedenkfeier mit anderen Organisationen des Flüchtlingslagers, bei der Theater und Tänze in verschiedener, vor allem traditioneller und Phantasieverkleidung aufgeführt wurden, entstanden. Da unsere Partnerorganisation selbst derartige Camouflage-Bekleidung gar nicht in ihrem Fundus hat, vor allem aber, weil diese Verkleidung ganz ihren pädagogischen Grundsätzen widerspricht, wurden die Fotos umgehend entfernt. Diesen Hintergrund kennt auch der zitierte Referent Tillmann Tarach genau. Unser Verein erhielt für seine Projekte im Libanon im Übrigen dreimal erhebliche Zuschüsse vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, zuletzt im Jahr 2012. Dies geschieht nur, wenn die Deutsche Botschaft in Beirut die Arbeit der Partnerorganisation vor Ort für seriös und förderungswürdig hält.
Die Lebenserfahrungen der palästinensischen Kinder und Jugendlichen, die wir im Libanon unterstützen, sind durch Krieg, Gewalt und Perspektivlosigkeit geprägt. Sie leben mit Hunderttausenden von Flüchtlingen aus Syrien in der akuten Angst vor einem Wiederaufflammen des libanesischen Bürgerkriegs in einer politisch aufgeladenen und hoch emotionalisierten Gesellschaft. Diesen Kindern durch soziale und pädagogische Arbeit gerecht zu werden, sie zu stärken und nicht allein zu lassen, sie gleichzeitig zu Toleranz und Friedensfähigkeit zu erziehen, ist eine gewaltige Herausforderung. Dieser anspruchsvollen Aufgabe werden unsere Partner ohne Frage gerecht.

 
Ingrid Rumpf, 1. Vorstand Flüchtlingskinder im Libanon e.V. Pfullingen

 

Den jüdischen Gemeinden liegt offensichtlich wenig an einem Dialog

Betr.: „Man hätte eine Gegenstimme gehabt“ vom 7. November
Die vom Seminar  Arabistik und Islamwissenschaft (Frau Prof. Dr. Schneider) im Rahmen ihres Palästinaschwerpunkts in Kooperation mit dem Institut für Kriminalwissenschaft  (Prof. Dr. Ambos) durchgeführte Veranstaltungsreihe „Naher Osten, ferner Frieden?“ besteht nicht nur aus der im GT ständig angesprochenen Nakba-Ausstellung, sondern daneben aus einer Vortragsreihe namhafter Wissenschaftler über das oben genannte Thema, einem vierteiligen Film „Gelobtes Land“ des jüdischen Regisseurs  Peter Kosminsky, und den Foto-Ausstellungen „Wall“ der israelischen Mauer sowie „Lebe das Leben jetzt, Kunst und Kultur im heutigen Palästina“ in der Galerie Alte Feuerwache. Davon ist jedoch, abgesehen von zwei kurzen Hinweisen im GT, nichts zu lesen, vor allem nicht vom Diktum der Veranstalter, die heutige Problematik Palästinas/Israels darzustellen, die selbstverständlich die  historischen Grundlagen einbeziehen muss. Dabei ist die Nakba-Ausstellung nur ein Teil und muss im Gesamtzusammenhang gesehen werden.  
Dagegen wird nur die Nakba-Ausstellung herausgegriffen und ihr Geschichtsfälschung vorgeworfen, obwohl inzwischen viele israelischen Historiker aufgrund von nun zugänglichen – im Wesentlichen militärischen – Quellen die Vertreibung von etwa 700 000 Palästinensern bei der Gründung Israels bestätigt haben, während alles andere unter den Tisch fällt. So waren zwar zur Eröffnung der Foto-Ausstellung in der Alten Feuerwache Reporter des GT anwesend, die auch Bilder gemacht haben, aber darüber wurde im GT nicht berichtet, ebenso wie zum Eröffnungs-Vortrag des Israelisch/palästinensischen Historikers Prof. Dr. Adel Manna über die Unabhängigkeit Israels und die Nakba – (Das israelische und palästinensische Narrativ) weder ein Reporter des GT noch die Kritiker der Ausstellung anwesend waren.
Programm und Unterlagen zur Nakba Ausstellung liegen seit längerem, mindestens aber seit sechs Monaten den Universitätsgremien vor. Trotzdem wurden Angriffe auf sie - gezielt - erst unmittelbar vor Beginn gestartet. Die Veranstalter hatten zudem bis jetzt keine Möglichkeit bekommen, mit den Berichterstatterinnen des GT in Kontakt zu treten beziehungsweise ihre Sicht der Dinge darzulegen.
Den Jüdischen Gemeinden und der Gesellschaft zur christlich jüdischen Zusammenarbeit liegt offensichtlich wenig an einem Dialog, sondern sie versuchen jede Kritik von Israel fern zu halten. In diesem Zusammenhang hätte man zwar eine Gegenstimme gehabt; dies ändert jedoch nichts am Recht der freien Meinungsäußerung.
Die Stadt Göttingen hat während der Nazi-Diktatur eine unrühmliche Rolle hinsichtlich Toleranz und freier Meinungsäußerung gespielt. Dies sollte sich nicht wiederholen.

 
Prof. Dr. Jan Hildebrandt, Göttingen

 

Anmerkung der Redaktion

Für die Ausstellungseröffnung „Wall“ war keine Berichterstattung geplant. Es ist aber möglich, dass Redaktionsmitglieder dort privat zugegen waren. Die Eröffnung der Vortragsreihe war zum 1. November angekündigt; der Vortrag von Prof. Udo Steinbach, Berlin, wurde abgesagt und deshalb erfolgte die beabsichtigte Berichterstattung nicht. Eine Kontaktaufnahme mit Mitgliedern der Redaktion war jederzeit möglich. Herr Hildebrandt wurde für das heutige Thema des Tages kontaktiert.

 

Kritische Stimmen anhören

Betr.: „Umstrittene Schau“ vom 3. November
Die Nakba-Ausstellung wurde in München im Herbst 2013 gezeigt. Auch hier gab es massiven Widerstand seitens jüdischer und anderer Organisationen. Trotzdem hat die Montessori-Schule die Ausstellung gezeigt. Mein Mann und ich haben bei der Eröffnung Vorträge gehalten. Die Schule, die Schüler und ihre Eltern haben nicht nachgegeben und sich durchgesetzt.
In München kommt es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen, denn wenn es um das Thema Israel/Palästina geht, schlagen die Gemüter hoch - zuletzt wurden die Räume für eine Veranstaltung untersagt. Ich halte eine solche Entscheidung für gefährlich, weil sie in weiten Teilen der Stadtgesellschaft als Zensur und als Angriff auf die Regeln der Demokratie und vor allem gegen die Meinungsfreiheit verstanden wird.  Ich kann die Angst vor dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland nachvollziehen, jedoch Verbote gegen Dialoge schüren eher die antijüdischen Gefühle, statt sie abzubauen. Ich habe die große Befürchtung, dass eines Tages dieser Befund auf alle hier lebenden Juden zurückschlagen wird.
Auch deshalb müssen kritische Stimmen wie bei der Nakba-Ausstellung gehört werden. Selbst wer nicht mit allem einverstanden ist, sollte sich wenigstens damit auseinandersetzen. Dies ist die Voraussetzung für eine pluralistische und offene Gesellschaft.

 
Judith Bernstein, München

 

Al Husseini war kein Nazi

Betr.: „Man hätte eine Gegenstimme gehabt“ vom 7. Novemberber.
Ich bin in Palästina geboren und seit 1960 in Deutschland und abonniere Ihre Zeitung schon sehr lange. In Ihrer Ausgabe vom 8. November zeigen Sie ein Bild, worin Palästinenser anlässlich des Nakba-Gedenktages im Westjordanland demonstrieren. Aber wie Sie Ihr Blatt dem Herrn Tarach zur Verfügung stellen, damit er seine Propaganda als Wahrheit verkauft, ist nicht in Ordnung. Der Nahe Osten und speziell Palästina wurde nach dem Einmarsch der Hitlerarmeen in Süd- und Südosteuropa ein Fluchtland für Griechen und europäische Juden.
Meine Eltern hatten eine Familie Mordachai, die in Haifa ankam, aufgenommen, und erst 1947 nach der Gründung des Staates Israel ist diese Familie aus Angst vor Zionisten mit unserer Kutsche nach Sachron Jacob umgezogen.
Die zionistischen Untergrundorganisationen Stera und Ergun waren brutal, nicht nur gegen Palästinenser sondern auch gegen Juden, die mit Arabern befreundet waren. Al Husseini war kein Nazi. Hitler hatte ihn für seine Ziele missbraucht. Juden haben in allen arabischen Ländern in Frieden und Wohlstand gelebt. Aber die zionistische Organisation hat global Angst und Hass Juden gegenüber vorgetäuscht, um die Flucht nach Palästina zu begünstigen.  Der jüdische Autor Josef Berg „Europäische Juden zwischen Henkern und Heuchlern“ ist auf jeden Fall sachlicher als Herr Tarach. Im Libanon spielen Kinder mit Spielzeugen aus Plastik. Die Familien der Siedler im Westjordanland schultern echte Waffen.

 

Said Amara, Nörten-Hardenberg

 

Streit muss öffentlich ausgetragen werden

Betr.: „Umstrittene Schau“ vom 3. November
Der Allgemeine Studierendenausschuss und der Fachschaftsrat Sozialwissenschaften der Universität Göttingen haben die Ausstellung „Die Nakba“ angegriffen, weil sie die Ereignisse im historischen Palästina von 1948 einseitig darstelle. Genau diese Einseitigkeit muss man dem Artikel vorwerfen, der außer dem AStA und dem Fachschaftsrat eine dem Staat Israel nahestehende Medienbeobachtungsstelle (Mena)  in Wien und das American Jewish Committee zitiert. Dagegen lässt der Artikel die Veranstalter und die Autorin der Ausstellung nicht zu Wort kommen. Entgegen der Behauptung von Mena wurde die Nakba-Ausstellung bereits 2009 im Foyer des Zentralen Gebäudes der Universität Göttingen gezeigt, ferner an Hochschulen in Oldenburg, München, Wuppertal, Straßburg, Paris, Brandenburg und Eichstätt. Ein halbes Dutzend der sogenannten neueren israelischen Historiker bestätigt die Vertreibung von etwa 750000 Palästinensern im Jahr 1948. Das Begleitheft  zur Ausstellung nennt viele anerkannte Namen, die  die Ausstellung begrüßen, darunter  diese jüdischen Persönlichkeiten: Uri Avnery, Judith Bernstein, Daniel Cil Brecher, Eitan Bronstein, Alfred Grosser, Felicia Langer, Abraham Melzer, Hajo Meyer, Reuven Moskovitz, Paul Oestreicher, Ernst Tugendhat, Rolf Verleger, Moshe Zuckermann. Wenn ich richtig sehe, reduziert sich der Vorwurf der Studierenden auf die Frage, ob eine kritische Sicht auf die Entstehungsgeschichte des Staates Israel gleichbedeutend mit Antisemitismus sei. Wenn sich die Studenten einseitig gegen viele kritische Juden stellen, dann muss solcher Streit öffentlich ausgetragen werden und darf nicht durch ein Verbot der Ausstellung unterdrückt werden. Eine Universität mit liberaler Tradition wie die Georgia Augusta ist dafür der richtige Ort.

 
Dr. Martin Breidert, Bad Honnef

 

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