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Göttingen „March for Science“ durch Göttingen
Campus Göttingen „March for Science“ durch Göttingen
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19:56 15.04.2018
"March for Science" in Göttingen. Quelle: Heller
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Göttingen

„Augen auf, Hirn an“ oder „Es gibt keine Alternative für Fakten“ ist auf den Plakaten zu lesen, die junge Akademiker in den morgendlichen Frühsommer-Himmel recken. Am Gänseliesel beginnt bereits um 10 Uhr das „Warm-up“ – das Aufwärmen für den „March for Science“, der zum zweiten Mal in Göttingen und 21 anderen deutschen Städten organisiert wird. Die Zielrichtung der Veranstaltung: In Zeiten von meinungsstarken, aber faktenarmen Debatten wollen sich Wissenschaftler Gehör verschaffen und sich gleichzeitig der Gesellschaft öffnen.

Später, während der Kundgebung auf dem Platz der Göttinger Sieben, wird Professor Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums, selbstkritisch betonen, dass Wissenschaft ihrer Kommunikationsverantwortung nicht gerecht wird. An diesem Morgen aber laufen zahlreiche Vertreter ihres Berufsstandes äußerst kommunikationsfreudig über den Marktplatz. Mit Slogans wie „Ich bin Biologe, stellen Sie mir Fragen“ bemühen sie sich um den direkten Austausch mit den Bürgern, wenn diese auch mehrheitlich eher aus anderen Gründen zwischen den Geschäften schlendern.

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March for Science in Göttingen

Science, not Silence

Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler betont in seiner Begrüßung, dass Wissenschaft alle Teile der Gesellschaft angehen müsse. Es gelte dem Trend entgegenzutreten, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer häufiger umgedeutet oder politisch instrumentalisiert würden. Nach seiner klaren Aussage „Ich will nicht in postfaktischen Zeiten leben“, setzt sich der lange, aber trotz der wiederholten Megafon-Durchsage „Science, not Silence“ ruhige Demonstrationszug in Richtung Uni-Campus in Bewegung.

Die Universität Göttingen unterstütze ausdrücklich die Initiative „March for Science“, die im vergangenen Jahr erstmals ein eindrückliches Zeichen gesetzt habe, erklärt deren Vize-Präsident Professor Ulf Diederichsen auf dem Platz der Göttinger Sieben. Wissenschaftsfreiheit sei in einigen Ländern noch immer bedroht oder eingeschränkt. Systemkritische Forscher müssten vielerorts Einreise- und Redeverbote oder Finanzierungskürzung hinnehmen, ihre Forschungsergebnisse würden in Frage gestellt. Der „March for Science“ müsse daher auch als Zeichen der Solidarität mit diesen Kollegen verstanden werden.

Zunehmende Skepsis gegenüber Wissenschaft

Professor Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, lenkte den Blick zunächst auf die Zustände im eigenen Land. Er sehe es als erforderlich an, die Sorge über die Zukunft der Wissenschaft in die Breite der Gesellschaft zu tragen. „Eigentlich sollten wir die akademische Freiheit nicht diskutieren müssen. Schließlich ist sie durch Artikel fünf des Grundgesetzes geschützt. Die Betonung liegt hier eindeutig auf dem Wort eigentlich“, so Hippler.

Auch wenn man sich in Deutschland in einer vergleichsweise guten Situation befinde, so lasse sich in der Gesellschaft eine zunehmende Skepsis gegenüber der Wissenschaft ausmachen. Diese münde in Teilen sogar in der Ablehnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und einer Wissenschaftsfeindlichkeit. Es sei in seinen Augen kein Zufall, dass die Krise der Demokratie, die in vielen Ländern aktuell zu beobachten sei, stets mit Angriffen auf die Freiheit der Wissenschaft, der Forschung und der Lehre einhergehe.

Akt der Solidarität

Auch er verstehe diese Tag als Akt der Solidarität mit Wissenschaftlern, deren Arbeit akut gefährdet ist. Diese Gefährdung reiche vom Verlust des Arbeitsplatzes über Verhaftung bis hin zu Entführung oder sogar zum Mord. „Der Schutz, den das Grundgesetz der Wissenschaft in Deutschland einräumt, muss zugleich Auftrag sein, über nationale Grenzen hinweg für die Freiheit der Wissenschaft einzustehen“, fordert Hippler.

Stefan Treue stellt schließlich einen historischen Bezug dieser Forderung her: „Der Platz der Göttinger Sieben, auf dem wir uns heute versammelt haben, erinnert an ein Beispiel für den politisch initiierten Verlust akademischer Freiheit“. Historisch gesehen sei der gesetzliche Schutz der freien Wissenschaft in Deutschland also ein noch junger Zustand, den es zu verteidigen gelte. „Echte Wissenschaft ist ohne Freiheit nicht möglich.“

Denn sie fördere ja auch unliebsame Erkenntnisse zutage, hinterfrage gesellschaftliche und politische Meinungen oder Behauptungen. „Eine Herausforderungen für all jene in Politik und Gesellschaft, für die wissenschaftliche Erkenntnisse eine Störung oder sogar eine Bedrohung ihrer Ambitionen sind. Und damit meine ich bei Weitem nicht nur den amerikanischen Präsidenten, sondern auch Gruppen in unserer deutschen Gesellschaft.“ Treue appellierte abschließend an beide Seiten – Wissenschaft und Gesellschaft – wachsam und mutig zu bleiben, um diese Freiheit gegen die verschiedensten Angriffe zu verteidigen. Oder verkürzt – wie es auf einigen Plakaten zu lesen war – „Augen auf, Hirn an“.

Von Markus Scharf

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