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Göttingen Protestmarsch in Göttingen
Campus Göttingen Protestmarsch in Göttingen
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20:15 22.04.2017
Quelle: dpa
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Göttingen

Für die Wissenschaft und ihre Freiheit haben am Sonnabend in Göttingen Tausende Menschen demonstriert. Forscher, Bürger und Politiker sprachen sich gegen „alternative Fakten“ und für wissenschaftliche Sorgfalt aus. Der March for Science fand weltweit an 600 Orten statt.

Wissenschaftler erklärten bei der Auftaktkundgebung rund um das Gänseliesel, auf welche Weise ihre Forschung für die Gesellschaft wichtig sei. Ein Psychologe sagte: „Es geht darum, Menschen und die Gesellschaft gesund zu halten. Dafür braucht es wissenschaftliche und nicht profitgetriebene Forschung.“ Eine Erzieherin erzählte von der Forschungsecke in ihrem Kindergarten, in der ihre Schützlinge erste Experimente machen können. Solarbetriebene Spielzeugautos und Plakate machten an Infotischen vor dem Alten Rathaus den Wert von Wissenschaft anschaulich.

March for Science in Göttingen

In weltweit 600 Städten liefen am Sonnabend Menschen beim March for Science mit, darunter in 22 deutschen Orten von Freiburg bis Helgoland. „Die Idee ist nach dem Women’s March in den USA entstanden“, erzählte Sarah Weishaupt. Die US-Amerikanerin ist selbst keine Forscherin.

Doch dass die Wissenschaft in den USA zum Beispiel durch Einreiseverbote und die Kürzung von Forschungsmitteln behindert werde, habe sie motiviert, gemeinsam mit Landsleuten und Deutschen in Göttingen einen March for Science auf die Beine zu stellen. „Wir erleben eine Bedrohung der Aufklärung. Die Menschen glauben eher ihren Gefühlen als der Forschung“, erläuterte Geologe Christian Groß.

Manuel Blattner, Biologiestudent in Auszeit, lief bei der Demo mit, um für die wissenschaftliche Methode einzustehen. Diese beinhaltet, dass Annahmen an der Wirklichkeit geprüft werden. Häufig durch wiederholte Experimente, deren Ergebnisse wiederum der Kritik anderer Forscher unterzogen werden. „Erst dann werden Erkenntnisse zu Fakten“, sagte Ulrike Beisiegel, Präsidentin der Georg-August-Universität, in ihrer Rede auf dem Platz der Göttinger Sieben.

Darin liege der Unterschied zu sogenannten „alternativen Fakten“. Dieser Begriff wurde von US-Präsident Trump geprägt und verkörpert die Idee, der sogenannte gesunde Menschenverstand solle anstelle der Wissenschaften Grundlage für politische Entscheidungen sein.

Dem wollten die Demonstranten etwas entgegensetzen. Für die Organisatoren ein Erfolg: Der Demonstrationszug erstreckte sich fast über seine gesamte Route vom Rathausplatz die Weender Straße entlang zum Platz der Göttinger Sieben.

Etwa 1400 Teilnehmer zählte die Polizei, die Veranstalter sprachen von rund 2500. Sprechchöre waren nur zögerlich zu hören. Vielleicht passt es nicht zur Identität vieler wissenschaftsnaher Menschen, einstimmig kurze Parolen zu rufen. Schließlich kommt es in ihrer Arbeit gerade auf jene Vielstimmigkeit an, die faktenbasierten Widerspruch zulässt und somit Fortschritt ermöglicht. kam

Darf Wissenschaft politisch sein?

Diese Frage haben im Vorfeld des March for Science diverse Medien aufgeworfen. Die Antwort vieler Göttinger Demonstranten lautete „Ja“. Sie sehen die Wissenschaft in Verantwortung gegenüber der Politik, da sie eine Grundlage für politische Entscheidungen bilde. Die Göttinger Erklärung gegen atomare Aufrüstung von 1957 diente als Beispiel für legitime Einflussnahme der Wissenschaft auf die Politik. Ebenso habe die Politik die Verantwortung, das demokratische Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit zu schützen.

Die im Exil lebende türkische Kulturanthropologin Hatice Pinar Senoguz meinte, die Verfolgung von Wissenschaftlern durch Politik zeige, dass Wissenschaft immer politisch sei. Zugleich betonten viele, dass der March of Science unparteiisch und für Wissenschaftsbefürworter jeder politischen Richtung offen sei.

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