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Nah-Ost-Tagung zum Thema Völkermorde des ersten Weltkriegs

Teufelskreis von Gewalt Nah-Ost-Tagung zum Thema Völkermorde des ersten Weltkriegs

„Die Muslime waren immer so. Ihr Glaube diktiert es ihnen“: So reagieren Nachfahren von Überlebenden des Völkermords an den Armeniern und christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich im Jahr 1915 auf heutige Gräueltaten des „Islamischen Staats“ im Irak und in Syrien.

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Nah-Ost-Tagung auf Burg Katlenburg zum Thema Völkermorde des ersten Weltkriegs.

Quelle: Thiele

Katlenburg. Das hat der syrisch-orthodoxe Christ, Amill Gorgis aus Berlin, selbst Betroffener, während der „Nahost-Tagung“ auf Burg Katlenburg berichtet. Die Konferenz wurde von der Evangelischen Akademie Hofgeismar und Theologie-Professor Martin Tamcke von der Universität Göttingen ausgerichtet.

Gorgis stieß auf Widerspruch. „Das klassische Dschihad-Konzept des Islams sieht die Unterwerfung und eine verachtende Duldung von Christen vor, nicht deren Ausrottung“, erklärte etwa Osmanistin Elke Hartmann von der Freien Universität Berlin. Anderenfalls hätten die christlichen Minderheiten im Nahen Osten nicht, allen Diskriminierungen und Pogromen zum Trotz, bis heute Bestand gehabt.

Der Völkermord, so die Osmanistin, die selbst armenischer Abstammung ist, lasse sich nur aus dem konkreten historischen Kontext heraus begreifen. Er sei aber bis heute kaum wissenschaftlich aufgearbeitet. Das liege nicht an der Türkei, die den Völkermord bestreite, verharmlosend von der Bekämpfung von Freischärlern oder von Umsiedelungen aufgrund von militärischen Notwendigkeiten spreche. Vielmehr mieden deutsche Orientalisten und Islamwissenschafter das Thema aus ihr unverständlichen Gründen, so Hartmann.

„Problem ist bis heute ungelöst“

Die Osmanistin gab einige Hinweise, wie es zu dem Völkermord kommen konnte. Das Osmanische Reich befand sich seinerzeit in einem Modernisierungsprozess. Christen machten aufgrund ihres besseren Zugangs zu Bildung Karriere im Staat, aber auch in der Wirtschaft. Damit zogen sie den Hass muslimischer Modernisierungsverlierer auf sich.

Doch auch Muslime, die die Modernisierung des Staates vorantrieben, misstrauten den Christen. Die Muslime traten meistens für eine Zentralisierung der politischen Macht ein, während die religiösen und ethnischen Minderheiten für Förderalisimus und regionale Autonomie kämpften. „Dieses Problem ist bis heute ungelöst“, erklärte Hartmann mit Blick auf die Kurden.

Dass die Spannungen zwischen Christen und Muslimen zu einem Völkermord führten, hat nach Hartmann mit der vernichtenden Niederlage zu tun, die das Osmanische Reich während des Ersten Weltkriegs an der Ostfront 1914/15 erlitt. Damals starben 100 000 von insgesamt 150 000 Soldaten des Reichs. Anstatt die Verantwortung zu übernehmen, habe Kriegsminister Enver Pascha armenische Verräter verantwortlich gemacht, so die Wissenschaftlerin. Nur durch eine wissenschaftliche und juristische Aufarbeitung von Völkermorden lässt sich der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen, lautete eines der Tagungsergebnisse.

Von Michael Caspar

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