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Naturforscher Blumenbach und die Klassifizierung der Völker Thema an Göttinger Uni

Vortrag von Historikerin Painter Naturforscher Blumenbach und die Klassifizierung der Völker Thema an Göttinger Uni

Die weiße Rasse sollte nach ihrem schönsten Volk benannt werden, meinte der Göttinger Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach. Über den Wissenschaftler sprach die emeritierte Historikerin Nell Irvin Painter anlässlich von Blumenbachs 175. Todestag in der Aula der Universität. Der Göttinger Wissenschaftler, der maßgeblich zur Entstehung der modernen Anthropologie und der Zoologie beitrug, entschied sich für die Kaukasier.

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Blumenbachs fünf Modellschädel: Schädel eines Tungusen, eines Kariben, einer Georgierin, eines Tahitianers und einer Afrikanerin (von links).

Quelle: Projekt „Blumenbach – online“

Göttingen. „Kaukasische Völker, wie die Georgier, waren bereits in der Antike für ihre Schönheit berühmt gewesen“, berichtete Painter. Die Ironie: Ausgerechnet diese Völker, insbesondere deren Frauen, wurden über zwei Jahrtausende versklavt und in den östlichen Mittelmeerraum sowie den Mittleren Osten verkauft. So sind die Weißen, die nach Meinung von Rassisten den anderen Rassen überlegen sind, nach Sklavenvölkern benannt, betonte Painter.

Für Blumenbach (1752-1840) stellte das kein Problem dar. Für ihn standen alle Rassen, von der Schönheit einmal abgesehen, auf einer Stufe. Painter: „Er bezog Stellung gegen seinen reaktionären Kollegen Christoph Meiners (1747-1810), der mit der angeblichen Überlegenheit der Weißen  Sklavenhandel und Kolonialismus rechtfertigte.“ Blumenbach wollte in aufklärerischer Absicht die verschiedenen Völker klassifizieren, denen die Europäer während ihrer Entdeckungsreisen  im 17. und 18. Jahrhundert begegneten.

Historikerin Nell Irvin Painter neben der Büste von Naturforscher Blumenbach im Aulagebäude der Universität Göttingen. Vetter

Historikerin Nell Irvin Painter neben der Büste von Naturforscher Blumenbach im Aulagebäude der Universität Göttingen. Vetter

Quelle:

Der Wissenschaftler, der in Göttingen 59 Jahre lang lehrte, verfügte über günstige Voraussetzungen. Unter seinen Studenten gab es viele Adelige, darunter drei englische Prinzen sowie die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt. Sie halfen, seine naturkundliche Sammlung zu erweitern. So  konnte der Anthropologe 245 Schädel zusammentragen. Fünf wählte er als Repräsentanten für die von ihm postulierten Varietäten aus.

Die schönen Weißen waren nach Einschätzung des Professors die Stammrasse. Blumenbach bezog sich dabei auch auf die Bibel, wonach Noahs Arche auf dem Berg Ararat im Kaukasus landete. „Der Schädel, der für die Mongolen, die Asiaten, stand, stammte von Tschwein Amuree, einem Angehörigen des sibirischen Volks der Ewenken“, führte Painter aus. Georg von Asch aus St. Petersburg hatte diesen Schädel aus Astrachan für Blumenbach beschafft. Der Schädel der Afrikanerin, stellte Painter bei ihren Nachforschungen fest, stammte von einer Sklavin aus Westafrika, die von einem Holländer als Konkubine nach Amsterdam geholt worden war. „Dort ist sie früh gestorben“, so Painter.
Zwischen den Weißen und den beiden anderen Rassen platzierte Blumenbach zwei Zwischenformen, die Amerikaner und die Malaien. Den Malaien-Schädel erhielt Blumenbach vom einflussreichen Präsidenten der Royal Society in London, dem reichen Wollhändler Sir Joseph Banks.

Ebenfalls aus den Gaben des Baron von Asch, der als ehemaliger Student der Georgia Augusta dieser zahlreiche Gegenstände für die Sammlungen schenkte, stammte der Schädel der schönen Georgierin. Er gehörte einer jungen Frau, die von russischen Soldaten während eines Feldzugs gefangen genommen und nach Moskau verschleppt worden war. „Sie starb dort an den Folgen einer Massenvergewaltigung“, so Painter. Die Wissenschaftlerin aus Princeton (USA) hat den im 19. Jahrhundert entstandenen europäischen und amerikanischen Rassismus erforscht. In ihrem 2010 erschienenen Buch „The History of White People“ untersucht sie unter anderem die Hintergründe für die Entstehung von Blumenbachs Fünferschema.   Organisiert wurde die Vortragsveranstaltung vom Forschungsprojekt „Johann Friedrich Blumenbach – online“ der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen.

Von Michael Caspar

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