Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
"Hüte die Erinnerung"

Neue Gedenkstele erinnert an das einstige "Judenhaus" "Hüte die Erinnerung"

Verdrängt, verfolgt, vergessen: Kaum jemand weiß, dass der Parkplatz am Göttinger Zentralcampus einst Standort eines sogenannten Judenhauses war. Jetzt erinnert eine Gedenkstele an ein dunkles Kapitel der Göttinger Geschichte - dank einiger Studierender, die das Thema aufgearbeitet haben.

Voriger Artikel
Friedensprojekt Europa am Scheideweg
Nächster Artikel
Medaille für den Germanist Albrecht Schöne

Eine Gedenkstele erinnert an ein dunkles Kapitel der Göttinger Geschichte.

Quelle: CH

Göttingen. "Es war krass, so in die Geschichte einzutauchen", berichtet der Geschichtsstudent Eric Angermann bei der Enthüllung der Stele. Gemeinsam mit Kommilitonen Eva Klay, Julia Kopp, Jan Oestreich, Jennifer Stümpel und Tobias Trutz hat sich Angermann eingehend mit dem ehemaligen Gebäude an der Weender Landstraße 26 beschäftigt. Mithilfe von Materialien des Stadtarchivs, des städtischen Museums und des Bovender Plessearchivs beschreiben die Studierenden, wie das Haus vom Rückzugsort zur zwangsweisen Wohnstätte für Göttinger Juden wurde - bevor sie großteils in Konzentrationslager deportiert wurden.

Dabei war das Haus ursprünglich als Gemeindehaus gedacht: Die Gauss-Weber-Loge musste es 1934 auf Druck der Nationalsozialisten verkaufen, die Göttinger Juden brauchten dringend Räume - der Besuch öffentlicher Kulturveranstaltungen war ihnen verboten. Das "Judenhaus" blieb über Jahre ein Ort der Selbstbehauptung, an dem die Gemeinde sich -unter Aufsicht der Gestapo- ihr soziales und kulturelles Leben aufrecht erhalten konnte.

Ab 1939 verschärfte sich die Lage: Die NS-Gesetzgebung ermöglichte arischen Vermietern, Juden die Mietverträge zu kündigen. 42 Göttinger zogen deshalb an die Weender Landstraße. „Unbeschreiblich, Männer und Frauen, jung und alt, Verheiratete und Unverheiratete wurden in einem Raum oder Saal untergebracht. Jeder war gezwungen, sich in dem Raum an- und auszukleiden, zu waschen und zu kochen“, berichtete den Studierenden zufolge ein Zeitzeuge vom Leben dort.

Ständige Angst

Noch belastender war für die Bewohner die ständige Angst vor der Deportation: "Werden sie heute kommen?", habe er sich schon beim Aufwachen gefragt, schildert der damalige Bewohner eines solchen Hauses in Dresden, Victor Klemperer, der später als Publizist und Regimegegner in der DDR lebte. Die Angst, die die Bewohner ihm zufolge durch den Tag begleitete, war auch für Göttingen nicht unberechtigt: Ab 1942 brachten die Nationalsozialisten die Bewohner in unterschiedliche Konzentrationslager.

Die Angst, die die Bewohner ihm zufolge durch den Tag begleitete, war nicht unberechtigt: Ab 1942 brachten die Nationalsozialisten die Bewohner in unterschiedliche Konzentrationslager. Nur wenige überlebten.

Noch weniger kehrten nach Göttingen zurück. Ihr Gemeindehaus nutzten sie nicht wieder, ein Gericht urteilte, es gehöre der Gauss-Weber-Loge. Die verarmte Gemeinde wurde mit 8000 Mark entschädigt. Zwischen 1966 und 1968 wurde das Gebäude abgerissen um Raum für den Universitätsparkplatz zu schaffen. "Fast 50 Jahre lang hat nichts an die ehemaligen Bewohner erinnert", sagt Angermann. Jetzt gemahnt an der Weender Landstraße 26 eine Gedenkstele.

Aufarbeitung nicht beendet

"Hüte die Erinnerung, vergiss nie das Schicksal dieser Menschen" - es waren eindringliche Worte, mit denen sich Eva Tichauer Moritz als Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde bei der Stelen-Enthüllung an die Gäste wandte. Sie und ihre Kollegin Jaqueline Jürgenliemk von der Jüdischen Gemeinde sprachen sich für eine starke Erinnungskultur aus - schließlich habe nach dem zweiten Weltkrieg "nichts in Göttingen an die Geschichte der Göttinger Juden erinnert", wie Jürgenliemk es formulierte.

Tatsächlich gestand Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) ein, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Göttingen lange gebraucht habe.

Ähnliches gelte auch für die Universität, sagte Universitätspräsidentin Prof. Ulrike Beisiegel. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Uni wurde ihr zufolge "zu spät begonnen und ist noch lange nicht fertig".

Von Christoph Höland

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ausstellung „on/off“ über den Nobelpreis in der Alten Mensa Göttingen