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Neue Sicht auf Linguistik

Fellow am Lichtenberg-Kolleg: Stefan Kaufmann Neue Sicht auf Linguistik

Möglichkeit und Zeit im Spiegel der Sprache“ war das Schwerpunktthema des Semantikers Stefan Kaufmann, Professor für Sprachwissenschaften an der Northwestern University in den USA, während seines Fellowships in Göttingen. Dabei geht es ihm darum, das Verständnis der Bedeutung modaler und temporaler Begriffe wie etwa „bevor“ und „nachdem“ oder von „wenn, dann“-Konstruktionen zu vertiefen.

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Seit 1994 wieder für längere Zeit in Deutschland: Sprachwissenschaftler Stefan Kaufmann.

Quelle: Heller

Was sich zunächst merkwürdig anhören mag, wird schnell greifbarer, wenn Beispiele genannt werden. „Ich verließ den Raum, bevor er anfing zu sprechen“ oder „Mozart starb, bevor er das Requiem vollendet hatte.“ Beide Sätze stellen nur auf den ersten Blick einen zeitlichen Zusammenhang her. Denn es ist keinesfalls belegt, dass Mozart das Requiem vollendet hätte, wäre er nicht zuvor verstorben. Ebenso wenig muss „er“ gesprochen haben, wenn es nicht gerade um einen öffentlichen Vortrag ging. Möglicherweise hätte er auch geschwiegen.

„Derartige „Bevor-Sätze“ und „Wenn..., dann...“-Konstruktionen gibt es in allen Sprachen, und seien sie auch noch so unterschiedlich“, erklärt Kaufmann. Und stets haben die „Bevor-Sätze“ die Eigenart, dass das Ereignis, vor dem etwas stattgefunden hat, nicht stattfinden muss. „Es existieren also in allen Sprachen Gruppen von Ausdrücken mit ähnlichen Wahrheitsbedingungen.“ Was ihn an seinem Fachgebiet fasziniere, seien die großen Schnittmengen mit ganz unterschiedlichen, assoziierten Fachbereichen. „Ich bin stark beeinflusst durch die Logik und die Philosophie.“

Während der Zeit am Lichtenberg-Kolleg habe er beispielsweise viel mit Juliet Floyd und Norma Goethe diskutiert, beide ebenfalls Fellows und Professorinnen für Philosophie. Aber es gibt auch Berührungspunkte mit Psychologie, Ökonomie, Mathematik und Informatik. „Die semantische Forschung bedient sich der Methoden und Ansätze anderer Fakultäten. Dabei kommt es innerhalb der Semantik zu ganz unterschiedlichen Ansätzen“, erläutert der Sprachforscher den Sachverhalt.

Einer der Gründerväter, der Mathematiker, Logiker und Philosoph Gottlob Frege, der 1873 in Göttingen promoviert wurde, wollte alles Uneindeutige aus der Sprache herausdefinieren, um zu einem reinen Kern zu kommen. Heute ist es eher so, dass die Unschärfe vieler Begriffe und Konstrukte als Stärke der natürlichen Sprachen wahrgenommen wird. Eine Meinung, die auch Kaufmann vertritt.

Der Sprachwissenschaftler nutzte das Fellowship, um interdisziplinäre Kontakte zu knüpfen und sein wissenschaftliches Netzwerk zu erweitern. Wichtig war für ihn jedoch auch, eine Zeit lang in das akademische Leben in Deutschland eingebunden zu sein, um ein Gefühl für die universitäre Landschaft zu bekommen. Denn der in Gera geborene Kaufmann war schon seit 1994 nicht mehr längere Zeit in Deutschland.

„Für mich ist sehr deutlich geworden, dass im Zuge der Exzellenz-Initiativen in der Linguistik einiges in Gang gekommen ist.“ Er habe viele interessante junge Kollegen beispielsweise am Courant-Zentrum kennen gelernt, mit denen er sicherlich einige transatlantische Projekte in Angriff nehmen werde. Nach seiner Zeit am Lichtenberg-Kolleg könne er sich jetzt auch durchaus vorstellen, wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Kaufmann bleibt noch einige Wochen in Deutschland, bevor er in die USA zurückkehrt. Er und seine Frau erwarten die Geburt ihres Kindes, das somit Göttingerin oder Göttinger werden wird.

  Lichtenberg-Kolleg
  Das neue Lichtenberg-Kolleg der Universität Göttingen hat den ersten Jahrgang von Gastwissenschaftlern, Fellows, verabschiedet. In der historischen Sternwarte waren neun renommierte Wissenschaftler zehn Monate bis Juli zu Gast. Sie hatten ihre heimischen Positionen ruhen lassen, um hier gemeinsam mit Göttinger Kollegen zu forschen. Fünf der neun Fellows stellt das Tageblatt in einer Serie vor. Folge 3: Stefan Kaufmann, Professor für Sprachwissenschaften an der Northwestern University in Evanston (USA).

Von Heike Jordan

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