Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Göttinger Nobelpreisträger Manfred Eigen gestorben
Campus Göttingen Göttinger Nobelpreisträger Manfred Eigen gestorben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:21 07.02.2019
Manfred Eigen (1927-2019) Quelle: Baumann
Göttingen

Im Alter von 91 Jahren ist am Mittwoch der Göttinger Nobelpreisträger und Ehrenbürger Manfred Eigen gestorben. Der Wissenschaftler, der 1945 zum Studium an die Universität Göttingen gekommen war, erhielt 1967 den Nobelpreis für Chemie. Pianist oder Physiker? Das war für Manfred Eigen die Frage gleich nach dem Ende des zweiten Weltkriegs.

Göttinger Nobelpreisträger und Ehrenbüger

„Ich dachte immer, ich würde einmal Musik studieren“, erinnerte sich Eigen, der in Bochum in einem sehr musikalischen Elternhaus aufgewachsen war. Doch während des Weltkriegs, in dem er als Luftwaffenhelfer dienen musste, fehlte ihm die Gelegenheit, weiter das Klavierspiel zu üben. Er entschied sich für ein Studium der Physik und Chemie an der Universität Göttingen.In den damaligen Institutsgebäuden an der Bürger- und Bunsenstraße begann 1945 die wissenschaftliche Karriere des jungen Mannes, der sich von Salzburg aus zu Fuß auf den Weg nach Göttingen gemacht hatte. Hier fand er ausgezeichnete Lehrer und war ein talentierter Nachwuchswissenschaftler.

Viele Ehrungen

Zur Person

Manfred Eigenwurde am 9. Mai 1927 in Bochum geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Chemie und Physik in Göttingen, unter anderem bei Werner Heisenberg und Wolfgang Paul. Mit nur 24 Jahren schloss er seine Promotion in physikalischer Chemie bei Arnold Eucken ab. 1953 wechselte er als Assistent zu Karl Friedrich Bonhoeffer an das MPI für physikalische Chemie, wo er an der Messung ultraschneller Reaktionen forschte und die Relaxationsmethoden entwickelte. Vier Jahre nach der ersten Vorstellung dieser Methoden berief ihn die Max-Planck-Gesellschaft als Wissenschaftliches Mitglied. Am Göttinger MPI für physikalische Chemie 1958 wurde er zum Direktor und Leiter der Abteilung Chemische Kinetik ernannt. Nach Gründung des MPI für biophysikalische Chemie leitete er dort von 1971 bis zu seiner Emeritierung 1995 die Abteilung Biochemische Kinetik. In den Ruhestand ging Eigen allerdings nicht: Am MPI für biophysikalische Chemie sowie am Scripps Research Institute in La Jolla (Kalifornien, USA) war er viele weitere Jahre bis ins hohe Alter wissenschaftlich aktiv. Eigen ist Mitbegründer der Firmen Evotec Biosystems (heute Evotec AG) und DIREVO Biosystems AG (heute Bayer HealthCare). Eigen ist so häufig geehrt worden wie kaum ein anderer deutscher Wissenschaftler. Neben dem Nobelpreis für Chemie (1967) wurde er mit einer Vielzahl weiterer renommierter Preise ausgezeichnet, darunter dem Otto-Hahn-Preis für Chemie und Physik (1962), dem Paul-Ehrlich und Ludwig-Darmstädter-Preis (1992) und dem Lifetime Achievement Award des Institute of Human Virology in Baltimore, USA (2005). Er erhielt 15 Ehrendoktorwürden und ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Akademien. Seine Geburtsstadt Bochum ernannte ihn 2001 zum Ehrenbürger der Universität, 1978 wurde er zum Ehrensenator der Universität Göttingen gewählt. Die Stadt Göttingen würdigte ihn mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft im Jahr 2002.

Als 87-Jähriger erklärte Eigen gegenüber dem Tageblatt seinen späteren Erfolg auf einem in den fünfziger und sechziger Jahren nahezu unbekannten Forschungsgebiet so, „in der Chemie ist nichts unmessbar, es gibt allenfalls ungeeignete Methoden." Reaktionsgeschwindigkeiten in der Chemie waren bis 1954 nur bis zu einer Tausendstel Sekunde messbar.

Unmessbar schnell

Manfred Eigen erhält im Jahr 2002 die Ehrenbürgerschaft durch Bürgermeister Jürgen Danielowski im Alten Rathaus und trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein Quelle: Bernd Beuermann

Darwins Idee der Evolution mittels natürlicher Auslese auf eine solide physikalische Basis und wandte diese auf molekulare Systeme an. „Ihm gelang es damit, eine Brücke zwischen Biologie und Physik zu schlagen", erklärte das Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie zu seinem 90. Geburtstag im Jahr 2017. Die Begriffe „Hyperzyklus“, „Quasispezies“ und „Fehlerschwelle“ seien untrennbar mit seinem Namen verbunden.Aber auch das Institut ist untrennbar mit Manfred Eigen verbunden. Eigens Vision, durch Zusammenlegen des MPI für physikalische Chemie und des MPI für Spektroskopie ein neues Institut mit Platz für zusätzliche fachlich anders ausgerichtete Abteilungen zu schaffen, wurde 1971 Wirklichkeit: Die Wissenschaftler der beiden Vorgänger-Institute wechselten in das bezugsfertige MPI für biophysikalische Chemie auf dem Faßberg. In den achtziger Jahren machte Eigen von sich reden mit seinen Theorien zur Selbstorganisation komplexer Moleküle und der Entwicklung von „Evolutionsmaschinen".

Erste Stellungnahmen

„Herausragender Denker und genialer Forscher“

„Mit dem Tod von Manfred Eigen verlieren wir einen herausragenden Denker und genialen Forscher, der das Leben von Mitarbeitern und Wissenschaftlern auf der ganzen Welt maßgeblich geprägt hat. Seine Vision, komplexe Lebensvorgänge mit biologischen, physikalischen und chemischen Methoden zu erforschen und das Entdeckte zum Nutzen für den Menschen anzuwenden, hat Manfred Eigen am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie verwirklicht. Diese Vision und seine integrative Persönlichkeit prägen den Spirit unseres Instituts bis heute. Dass wir Manfred Eigen als Mentor haben durften, war ein Segen – für seine Mitarbeiter ebenso wie für das weitere Umfeld in Göttingen“, sagt Erwin Neher, Nobelpreisträger und Direktorenkollege am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie.

Seinem Anspruch, Wissenschaft auf höchstem Niveau zu betreiben, ist Manfred Eigen stets spielend gerecht geworden, heißt es in der Mitteilung des Max-Planck-Instituts für biophysikalische zum Tode des Wissenschaftlers am 6. Februar 2019. Wie nur wenige hatte er ein untrügliches Gespür dafür, welches Potenzial und welche Chancen in unerwarteten Entdeckungen stecken und er verstand es, diese zu nutzen. Von seinem Weitblick und seinem großen Engagement für die Förderung der Wissenschaften profitierte auch die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in vielerlei Hinsicht, etwa als er eines der größten und erfolgreichsten Institute innerhalb der Forschungsgesellschaft gründete oder sich im Senat der MPG für die Gesellschaft einsetzte, teilte das Institut am Donnerstag mit.

Manfred Eigen verstand es wie kaum ein anderer, vorherrschende Denkmuster zu durchbrechen und mit Erfolg wissenschaftlich neue Richtungen einzuschlagen“, so Herbert Jäckle, langjähriger Vize-Präsident der MPG und Emeritus-Direktor am MPI für biophysikalische Chemie. „Diese Fähigkeit zeichnete ihn bereits zu den Anfängen seiner wissenschaftlichen Karriere aus und zieht sich als roter Faden durch sein gesamtes Leben.“

Manfred Eigens Interessen weit über sein eigenes Fachgebiet und die Naturwissenschaften hinaus, gepaart mit einem unbändigen Forschergeist, waren seine hervorstechenden Eigenschaften. Sein Ansatz war es stets, für Probleme die eleganteste und für alle am besten tragbare Lösung zu finden. Seine Persönlichkeit, seine Werte und sein respektvoller Umgang mit Kollegen und Mitarbeitern haben unser Institut maßgeblich geprägt. Sie sind Ansporn für uns und ein Anspruch, der uns immer wieder herausfordert und dem wir gerecht werden wollen“, so Nobelpreisträger Stefan Hell, Physiker und Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie.

Rolf-Georg Köhler, Oberbürgermeister von Göttingen, erklärte am Donnerstag: „Mit dem Tod von Manfred Eigen verliert die Stadt Göttingen einen Ehrenbürger und Visionär, dem es gelang, seinen Forscherdrang stets zum Wohl und Nutzen der Menschen einzusetzen. Der Nobelpreisträger hatte einen wesentlichen Anteil daran, Göttingens Renommee als Wissenschaftsstandort zu fördern.“

Universitätspräsidentin Prof. Ulrike Beisiegel würdigt Manfred Eigen „nicht nur als genialen Wissenschaftler, sondern auch als herausragende Persönlichkeit mit wichtiger Vorbildfunktion für den wissenschaftlichen Nachwuchs der Universität. Dabei beeindruckte besonders seine Fähigkeit, bahnbrechende wissenschaftliche Ergebnisse verständlich in die Gesellschaft zu kommunizieren.“

Der Göttinger Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann (SPD) erklärte: „Mit Manfred Eigen verlieren wir einen brillanten Forscher und wunderbaren Menschen. Göttingen hat ihm viel zu verdanken. Als die Göttinger Nobelpreise der Vergangenheit anzugehören schienen, gewann Manfred Eigen 1967 den Chemie-Nobelpreis und stellte die Verbindung zu den großen Erfolgen der Göttinger Wissenschaft wieder her. Er hat zahlreiche hochtalentierte Wissenschaftler nach Göttingen gelockt und das Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie zu einer der exzellentesten Forschungseinrichtungen auf der Welt gemacht, das zahlreiche Leibniz-Preisträger und mit Erwin Neher und Stefan Hell weitere Nobelpreis-Träger hervorbrachte. Manfred Eigen war nicht nur ein großer Wissenschaftler und erfolgreicher Unternehmensgründer, er war auch ein feiner Mensch, der wunderbar Klavier spielen und Bücher schreiben konnte. In meiner Zeit als Wissenschaftsminister waren der enge und freundschaftliche Kontakt mit Manfred Eigen und sein Rat für mich eine große Hilfe. Dafür bin ich ihm zu großem Dank verpflichtet."

 

Daraus entwickelte sich ein neuer Zweig der Biotechnologie-Branche – die „evolutive Biotechnologie“. Mit Evolutionsmaschinen lassen sich nach MPI-Angaben heute grundlegende Mechanismen der Evolution im Zeitraffer im Labor untersuchen, darunter die Tricks, die das AIDS-Virus und andere tückische Krankheitserreger nutzen, um das Immunsystem zu überlisten. Mithilfe dieser Maschinen werden zudem neue molekulare Wirkstoffe identifiziert, um diese für die Entwicklung von Medikamenten einzusetzen. Als im Jahr 2018 die Amerikaner Frances H. Arnold und George Smith sowie der Brite Gregory Winter mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurden, war auch von der Forschung von Manfred Eigen die Rede. Die ausgezeichnete Entwicklung einer grünen chemischen Industrie und die Anwendung evolutionärer Prinzipien bei der Entwicklung von Proteinen basiert auch auf den von Eigen entwickelten Evolutionsmaschinen und der evolutiven Biotechnologie.

Eigen lebte zuletzt zurückgezogen in Göttingen. Er hinterlässt seine Ehefrau Dr. Ruthild Oswatitsch-Eigen sowie einen Sohn und eine Tochter aus seiner ersten Ehe.

Weitere Infos zu Eigen und zu seinem Tod:

Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen: Pressemitteilung vom 7. Februar 2019

Hommage an Manfred Eigen zu seinem 90. Geburtstag 2017

Manfred Eigen eröffnet die Göttinger Torhaus-Galerie 2002

Das große Portrait von 2014 mit Video

Von Angela Brünjes

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Organisationsstruktur ist einmalig, das neue Spezialfahrzeug für etwa 400000 Euro ein Unikat: Mit dem ITW Südniedersachsen können künftig mehr schwerkranke Patienten als bisher in Spezialkliniken gebracht werden.

07.02.2019

Forscher der Uni haben eine neue Methode entdeckt, um Phosphate zu isolieren. Ihre Entdeckung kann unter anderem zu einer umweltschonenden Düngung in der Landwirtschaft führen.

06.02.2019
Göttingen Aktion „Wissenshunger“ in Göttingen - Kochen mit Schülern

Auf das Projekt „Wissenshunger“ wurde die Studentin Huong Giang Doan beim Treffen der Bundesvertretung der Medizinstudenten aufmerksam. Seit dem Sommersemester bieten auch Göttinger Studenten an, mit Schülern zu kochen.

06.02.2019