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Pflaumenkuchen gegen Männerbünde

Die Autorin Julia Schramm über Bundeskanzlerin Angela Merkel Pflaumenkuchen gegen Männerbünde

Um mindestens 50 Facetten der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ging es am Dienstag bei ­einer ­Lesung auf dem Göttinger Campus. Die junge Autorin ­Julia Schramm hat dort „Fifty ­Shades of Merkel“ vorgestellt. Doch nicht alle Thesen aus der Charakterstudie der deutschen Kanzlerin und ihrer Politik hat das Publikum akzeptiert.

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Politikwissenschaftlerin und Autorin Julia Schramm bei der Lesung in Göttingen

Quelle: Christina Hinzmann

Besonders, dass die 30-jährige Bloggerin und Politikwissenschaftlerin Merkel als „sehr erfolgreich“ bezeichnete, stieß manch älteren Gast übel auf. Für Schramm eine Gelegenheit, Merkels Erfolge ins Feld zu führen: Zehn Jahre Kanzlerschaft, abgesägte Männerbünde in der eigenen Partei und der kalkulierte Einsatz von Pflaumenkuchen gehörten dazu. Letztgenanntem hat Schramm ein ganzes Kapitel gewidmet, in dem sie die Vorliebe der Kanzlerin für das Backen als kalkulierten Durchbruch des sonst oft geschlechterneutralen Auftretens Merkels interpretiert – „eine kleine, menschliche Anekdote“, die nach Schramms Worten bereits dutzende Medien 
in Deutschland aufgegriffen haben.

Interview

Tageblatt: Sie wollten herausfinden, ­warum Merkel so „gnadenlos erfolgreich“ ist. Was kommt ­dabei raus, wenn man sich die Kanzlerin intensiver anschaut?

Schramm:Dass es sehr viel komplizierter ist, als es erstmal scheint. Und, dass Merkel in den letzten zehn Jahren ihrer Kanzlerschaft gezeigt hat, wonach sich die deutsche Gesellschaft sehnt: Nach einer Form von softer Führung und einem Zustand der Sicherheit. Also eine Politik des Ruhigen und des Besonnenen, was aber auch sehr, sehr schwer ist als Kanzlerin. Denn im Endeffekt sind ihre Entscheidungen sehr weitreichend und es gibt immer wieder Momente, wo sie ihren humanistischen Anspruch völlig hinten anstellt und die Politik der Bundesregierung anführt.

Was für ein Typ Politikerin ist Merkel?

Das Interessante ist, dass sie eine Technokratin ist, aber dadurch, dass sie eine Frau ist, hat es ein anderes Antlitz. Klassische Technokraten wie Thomas De Maizière wirken dröge und ein bisschen unmenschlich in ihrer Langweiligkeit. Merkel ist da anders, weil sie aufgrund ihrer Weiblichkeit und der Tatsache, dass sie sich sexistischen Strukturen zur Wehr setzen musste, eine andere Sozialisation hat. Bei ihr wirkt das extrem Sachliche sehr erfrischend und wohltuend.

Fallen Ihnen Momente ein, wo der Mensch Merkel durch­geschimmert ist?

Der Wahlabend 2013: Es ist klar, dass Merkel wieder Kanzlerin wird, auf der Bühne stehen Hermann Gröhe und andere. Jemand reicht Gröhe eine Deutschlandflagge, er wedelt damit – und Merkel entzieht sie ihm und tut die Flagge weg. Sie selber ist mit diesem deutsch-pathetischen Fähnchen-Wackeln überfordert, weshalb sie ja auch viele Sympathien von Linken hat. Dabei ist es das, was man von ihr als konservativer Kanzlerin verlangen würde. Aber es war ihr zu sehr „over the top“ und dann hat sie ihm einfach die Fahne weggenommen – ein sehr affektiver Moment.

Interview und Text: Christoph Höland

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