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Göttingen Physiker Wörgötter und die Robotik
Campus Göttingen Physiker Wörgötter und die Robotik
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00:20 24.04.2018
Der Physiker Florentin Wörgötter. Quelle: Sven Grünewald
Göttingen

Im Tageblatt-Interview spricht Wörgötter über gestiegene Rechnerlestungen, Hammer und Nägel sowie Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt.

In welche Richtung geht aktuell die KI-Forschung?

In alle Richtungen. Es ist ein großes Jagdfieber entstanden, weil viele Dinge plötzlich funktionieren. Beispielsweise kam man in der Computervision, also dem Erkennen von Bildelementen wie einer Katze, 40 Jahre kaum voran und dann innerhalb kurzer Zeit funktionierte das. Momentan gibt es sehr viele Akteure in der KI-Entwicklungen und die probieren alles aus, was geht, nach der Devise: Wenn ich einen Hammer habe, sieht alles aus wie ein Nagel. Und die Erfolge geben diesen Entwicklungen auch teilweise recht. Die Gründe liegen darin, dass einerseits sehr viel mehr und leichter verfügbare Daten existieren und andererseits die Rechenpower so stark gestiegen ist, dass man Dinge einfach totrechnen kann. Das ist eine graduelle Entwicklung, kein Quantensprung.

Welche Fortschritte gibt es in der Schaffung selbstlernender Systeme, also einer KI, wie sie beispielsweise Roboter in Sci-Fi-Filmen besitzen?

Die entwickelten Systeme sind noch lange nicht so schlau wie der Mensch. Aber man ist auf dem Weg genau dahin und wird das Ziel auch relativ schnell erreichen. Ich glaube zumindest nicht, dass es ein fundamentales Hindernis gibt, Maschinen und Roboter zu entwickeln, die so intelligent sind wie der Mensch. Schwierig ist beispielsweise noch, dass unser Gehirn sehr dynamisch und wir damit sehr flexibel sind. Viele KI-Systeme sind noch nicht so flexibel und eher an einzelne Aufgaben angepasst. Aber die Entwicklung geht weiter. Ich weiß nicht, ob ich es noch erlebe, aber unsere Kinder werden es mit Systemen zu tun haben, die genauso intelligent sind wie sie selbst.

Die Populärkultur mit Filmen wie Terminator und Blade Runner zeichnet ein negatives Bild von KI und ihren Folgen. Prominente wie Stephen Hawking oder auch Ernst Ulrich von Weizsäcker warnen vor den Gefahren der KI – halten Sie einen vorsichtigen Umgang mit der Thematik für angezeigt?

Teilweise ist das absolut berechtigt. Aktuell haben in einem offenen Brief über 100 Wissenschaftler vor der militärischen Anwendung der modernen KI gewarnt, weil die Entwicklung autonomer Kampfroboter naheliegt. Damit ist eine ganz neue Stufe der Waffentechnik erreicht, die vollkommen unmenschlich ist und dann sind wir beim Terminator. Etliche Firmen befassen sich mit diesen Entwicklungen. Schaut man sich die Geschichte an, dann wird sich das nicht verhindern lassen. Jede Schweinerei, die sich der Mensch ausdenkt, wurde auch mal ausprobiert. Daher kann ich nur hoffen, dass man weltweit zu der Überzeugung kommt: technisch möglich, aber wir verzichten darauf.

Welche Auswirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt sind absehbar? McKinsey schätzt in einer aktuellen Studie, dass weltweit bis 2030 rund 800 Mio. Jobs an intelligente technische Systeme verloren gehen können.

Der erste Schritt waren die Maschinenstürmer, die im 19. Jahrhundert durch Verarmung gezwungen die maschinelle Industrialisierung aufzuhalten versuchten, weil sie ihren Job verloren hatten. Dieses Thema zieht sich bis heute durch. Es betrifft inzwischen jedoch nicht nur einfache Tätigkeiten, sondern auch hochqualifizierte Personen. Durch KI wird die Verdrängung weitergehen, teils werden aber auch neue Jobs entstehen. Jedoch besteht die Gefahr, dass unterm Strich deutlich mehr Jobs verloren gehen werden. Die Menschheit wird sich in 50 oder 100 Jahren fragen müssen, ob sie sich weiter über Arbeit definiert, aus der wir gegenwärtig noch Befriedigung und Geld ziehen. In einem optimistischen Szenario kann die Antwort so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen sein gekoppelt mit anderen Zielen für uns Menschen als „Geldarbeit“, wofür es ja bereits zarte Denkansätze gibt. In einem negativen Szenario bekommen wir vielleicht ein ungelenktes revolutionäres Potenzial durch die stark wachsende Armut von Menschen, denen – zugespitzt gesagt – Roboter die Jobs weggenommen haben. Gegenwärtig herrscht eine gigantische Unsicherheit, man kann sich alles vorstellen, bis hin dazu, dass Roboter irgendwann die Welt übernehmen. Auch das ist inzwischen durchaus denkbar geworden.

Angesichts dieser absehbaren Entwicklung – wie wird das Thema von anderen Gesellschaftsbereichen aufgegriffen?

Die Politik hinkt solchen technischen Entwicklungen immer etwas hinterher. Allein schon mit der rechtlichen Situation des autonomen Verkehrs hat die Gesetzgebung massivste Probleme. Wer ist im Schadensfall verantwortlich? Der Entwickler? Irgendwie nicht, das System ist ja autonom. Aber kann man das Auto ins Gefängnis sperren? An diesen Fragen hängen wir. Egal ob man Jura oder Philosophie nimmt, es besteht eine Hilflosigkeit bei der Frage der Interaktion von Mensch und Maschine. Wenn Maschinen eben nicht mehr dumm und Sklaven sind, sondern autonome „Wesen“, darf ich dann den Stecker herausziehen? Wenn es ein Kommunikationsproblem gibt und ich mich ärgere, darf ich den Roboter dann verprügeln – oder er mich? Ich muss auch auf einer ethischen Weise mit solchen „Wesen“ umgehen, dafür haben wir aber kaum Vorbilder – bestenfalls den Umgang mit höheren Tieren. Aber was, wenn die Maschinen intelligenter sind als wir? Genau das sind die Fragen, die jetzt aufkommen. Nur leider vollziehen sich die Entwicklungen so schnell, dass das Augenmaß fehlt und man nicht hinterherkommt.

Wie alltagspräsent ist KI schon?

Sie arbeitet an vielen Stellen und das fast unsichtbar. Es sind Kleinigkeiten. Schauen Sie sich an, wie sehr Suchmaschinen ihre Arbeit verbessert haben oder die Logistik. Auch Googletranslator ist ein gutes Beispiel – das funktioniert inzwischen phänomenal gut. KI durchdringt viele Lebensbereiche und wir profitieren massiv davon. Das sollte jene berücksichtigen, die über KI schimpfen.

Wer treibt die KI-Entwicklung in besonderem Maße?

Vorrangig die USA. Deutschland hinkt der Entwicklung hinterher. Das betrifft aber viele techologierelevante Bereiche: sei es Elektromobilität, schnelles Internet, Mobilfunk, Industrie 4.0, allgemeine Infrastruktur, Nahverkehr, Fernverkehr. Ich wünschte mir, dass die Milliarden, die zum Beispiel im Bauprojekt Stuttgart 21 versenkt werden, eher solchen Entwicklungen zugute kämen.

Von Sven Grünewald

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