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Ursachen von Populismus

Tagung an der Universität Göttingen Ursachen von Populismus

Populistische Bewegungen erhalten weltweit Zulauf. An der Konferenz “Lineages of the people: Embedded and transregional histories of contemporary populism” an der Universität Göttingen erörterten Wissenschaftler die Ursachen.

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Tagungsthema in Göttingen: Populistische Bewegungen.

Quelle: Dpa

Göttingen. Populismus findet man nicht nur im Weißen Haus. Das Phänomen lässt sich weltweit beobachten. Die Teilnehmer der Tagung des „Centre for Modern Indian Studies“ der Universität Göttingen haben in der Alten Mensa am Wilhelmsplatz den Blick über Europa und die USA hinaus auf Populismus in der ganzen Welt erweitert.

Ghassan Hage, Professor an der Universität Melbourne (Australien), beschreibt Populismus in der Politik anschaulich. Es komme immer auf die Perspektive an, sagt er, und zieht einen Vergleich zur Musik: Einige schreiben ihre Musik nur für Kenner und Elite. Es ist ihnen egal, was die Masse darüber denkt. Politiker, die Populisten sind, wollen das Feld dominieren. Sie komponierten Musik mit eingängigem Beat.

Ein besseres Leben aufgrund von Herkunft

Nach einer kurzen Beatbox-Einlage wird der Anthropologe komplex und spricht über die Ängste von Menschen, die Migration als Bedrohung empfinden. Es gebe ein Versprechen auf ein besseres Leben aufgrund von Herkunft. Dieses Versprechen verdanken viele Europäer ihrem Status als „Weiße“ – verstanden nicht nur als Träger einer Hautfarbe, sondern auch anderer Merkmale, die ihnen Prestige verleihen. Dieses Versprechen darauf, dass es Weißen besser gehen sollte, werde häufig genutzt, wenn Migranten in ein Land kommen. Es gehe nicht darum, dass es den Menschen, bevor Flüchtlinge und Migranten kamen, wirklich besser ging. Die Leute bildeten sich vielmehr ein, in der Vergangenheit sei das Leben besser gewesen. Hage nennt das die Politik einer Vergangenheit, die nie stattgefunden hat.

„Jemand in der Pariser Banlieue besitzt einen Citroen und sein Nachbar, ein Migrant, hat ein Fahrrad. Ein Jahr später besitzt der Pariser immer noch seinen Citroen, der Nachbar einen Roller“, veranschaulicht Hage sein Argument. Der Citroen-Besitzer fühle sich nun bedroht, obwohl er weiterhin finanziell besser gestellt sei als der Migrant. Was ihm Angst mache, sei jedoch die soziale Mobilität des Nachbarn: Das eigene Einkommen ist gleich geblieben, der Nachbar ist sozial aufgestiegen.

Hages Vortrag ist abstrakt und konzentriert sich auf kein bestimmtes Land. Die Göttinger Religionswissenschaftlerin Gülay Türkmen-Dervisoglu und ihre Berliner Kollegin Sinem Adar stellen ein konkretes Beispiel vor. Sie haben eine Fallstudie zu Nationalismus und Populismus in der Türkei erstellt. Die Wissenschaftlerinnen stellen fest, dass die nationale Rhetorik in der Türkei zunimmt. Die türkische Bevölkerung sei stark polarisiert.

Populistischer Diskurs und emotionale Entfernung

In ihrem Vortrag gehen sie der Frage nach, wie eine Bevölkerung zusammenhalten kann, wenn ethnische, religiöse und politische Unterschiede so groß sind. Sie sehen einen Zusammenhang zwischen populistischem Diskurs und emotionaler Entfernung, die in etwa das Gegenteil von Nationalgefühl und Zusammenhalt bezeichnet. Die Menschen in einem Land entfernen sich emotional voneinander. Für die Türkei können sie gefühlsmäßige Entfremdung mit einer Studie belegen.

Diese zeigt, dass Parteizugehörigkeit in der Türkei in hohem Maße beeinflusst, wen man heiraten, in wessen Nachbarschaft man gerne wohnen würde und auch mit wem man bereit wäre, Geschäfte zu abzuschließen. „Das ist wirklich eine Konfliktlinie in der Türkei, die entlang der Parteizugehörigkeit verläuft“, fasst Adar zusammen. Der türkische Präsident Recep Erdoğan schaffe es, durch populistische Äußerungen einen Keil in die Opposition zu treiben. Deshalb sind Menschen, die der Regierungspartei AKP nahestehen, ein vergleichsweise einiges Lager. Die Opposition spaltet sich in ideologische Lager, verstärkt durch den Populismus Erdogans.

Die Konferenzteilnehmer zeichnen ein Bild des Populismus, der sich gegen internationale Gesetze richtet, der in den Medien und bei Wahlen sein Gesicht zeigt und der auf der ganzen Welt verbreitet ist. Die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA war ein Schock, meint nicht nur der Londoner Kommunikationswissenschaftler Gholam Khiabany. Für die Wissenschaftler ergibt sich – neben Schock – daraus auch Inspiration, dem populistischen Zeitgeist auf den Zahn zu fühlen.

Von Jorid Engler

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