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Puzzlesteine für die Evolutionsforschung

Uni Göttingen Puzzlesteine für die Evolutionsforschung

Von außen betrachtet wirkt das Geowissenschaftliche Zentrum auf dem Nordcampus der Universität Göttingen nicht besonders spektakulär. Für Forscher aus aller Welt ist der Gebäudekomplex in der Goldschmidtstraße allerdings eine prominente Adresse: Hier lagert eine der weltweit größten und bedeutendsten Bernsteinsammlungen.

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Die Paläobotanikerin Eva-Maria Sadowski untersucht mit dem Mikroskop kleinste Mikrostrukturen der Bernstein-Inklusen aus der berühmten Königsberger Sammlung, die von Kustos Alexander Gehler (links) betreut wird.

Quelle: pid

Göttingen. Diese waren im November 1944 nach Göttingen ausgelagert worden, um sie vor den russischen Truppen in Sicherheit zu bringen. Die Sammlung ist eine einzigartige Fundgrube für die Forschung. Anhand der fossilen Harze können Wissenschaftler frühere Ökosysteme rekonstruieren und neue Erkenntnisse über die Entwicklung der Tier- und Pflanzenwelt gewinnen.  „Jedes Jahr kommen mehr als ein Dutzend internationale Gastforscher allein in Sachen Bernstein zu uns“, sagt der Kustos des Geowissenschaftlichen Museums, Alexander Gehler. Immer wieder seien Wissenschaftler überrascht, in Göttingen Stücke zu finden, die sie für verschollen gehalten hatten.

Eine Bernsteininkluse mit dem Zweigfragment eines Zypressengewächses aus der Königsberger Sammlung .

Quelle: Geowissenschaftliches Museum der Universität Göttingen

Zwar ist der größte Teil der einst 100000 Stücke umfassenden Königsberger Bernsteinsammlung im April 1945 bei den Kämpfen um die Festung Königsberg zerstört worden. Glücklicherweise hatte sechs Monate vorher ein Kurier die kostbarsten Stücke in zwei Kisten zur Königsberger Partneruniversität Göttingen gebracht.  Die Georg-August-Universität verfügte bereits über eine eigene Bernsteinsammlung, die unter anderem der Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) zusammengetragen hatte. Seit 1958 verwalten die Göttinger Geowissenschaftler auch die Relikte der Königsberger Bestände treuhänderisch für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Etwa 12000 Bernsteine aus der Königsberger Sammlung haben Fossileinschlüsse. Diese sogenannten Inklusen sind für die Forscher eine wahre Fundgrube: In den versteinerten Baumharzen sind Tiere und Pflanzen konserviert, die vor 45 Millionen Jahren in den Wäldern des Baltikums gelebt haben. Die Fossilien bilden eine einzigartige Datenbasis für die Evolutionsforschung. Dies macht sich auch die Göttinger Geobiologin Eva-Maria Sadowski zunutze. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersucht sie systematisch die Pflanzen aus der Tertiärzeit. „Wir wissen nur wenig darüber, wie die baltischen Wälder damals ausgesehen haben“, sagt die Paläobotanikerin. „Wir versuchen deshalb, mit Hilfe der pflanzlichen Inklusen das damalige Ökosystem zu rekonstruieren.“ Dazu muss die Forscherin zunächst die einzelnen Pflanzenarten identifizieren, die damals an den Baumharzen festklebten und seit Millionen Jahren im Bernstein konserviert sind. Bei der Bestimmung kommt es auf kleinste Details an: Stammt der winzige Stängel von einer Zypresse oder von einer Blütenpflanze? „Viele Merkmale sieht man nur mit dem Mikroskop“, sagt Eva-Maria Sadowski. Um einen möglichst genauen Einblick in die Mikrostrukturen zu erhalten, nutzt sie neben dem klassischen Lichtmikroskop auch andere Techniken wie beispielsweise das Rasterelektronenmikroskop. Bei der Untersuchung der Inklusen gilt es zudem eine weitere Frage zu klären: Wurde die Pflanze schon einmal beschrieben oder handelt es sich um eine bislang unbekannte Art? Außerdem studiert die Paläobotanikerin Zeichnungen, die Wissenschaftler im 19. Jahrhundert von Objekten der Königsberger Sammlung angefertigt haben. Viele Inklusen, die in den über 100 Jahre alten Standardwerken zum baltischen Bernstein abgebildet sind, kann man heute in der Göttinger Sammlung finden. „Das zeigt, dass man damals gezielt die bedeutendsten Stücke vor den Kriegswirren zu retten versucht hat“, sagt Sadowski. Jedes Stück gibt einen Hinweis auf die Lebenswelt, aus der einst die weltweit größte Bernsteinlagerstätte hervorging.  Von Heidi Niemann

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