Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Reaktion auf Kritik an Studie aus Göttingen
Campus Göttingen Reaktion auf Kritik an Studie aus Göttingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:16 24.05.2017
Die Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke, hatte die umstrittene Studie in Auftrag gegeben. Quelle: R
Anzeige
Göttingen

Im Auftrag der Ost-Beauftragten der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), hatten sie sich mit den Ursachen und Hintergründen von Rechtsextremismus in Ostdeutschland befasst: Dort habe es nach der Wende einen "defizitären Demokratisierungsprozess" gegeben, so das Fazit der Autoren. Auch werde das Zusammenleben mit Migranten bis heute romantisiert - obwohl es Probleme mit Rechtsextremismus schon zu DDR-Zeiten gegeben habe. Und außerdem gelten den Autoren zufolge engagierte Kritiker des Rechtsextremismus als "Nestbeschmutzer".

Die Reaktion folgte prompt: In Sachsen, wo ein Teil der Studie durchgeführt wurde, sprach CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer von einem "Machwerk" und äußerte Zweifel an der Wissenschaftlichkeit. Kurze Zeit später berichteten mehrere Zeitungen von "erfundenen Interviewpartnern". Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Volker Kauder, nannte die Studie einen "Skandal".

"Der Vorwurf ist absurd", sagt Michael Lühmann, einer der Autoren der Studie. Sein Institut hat reagiert und betont in einer Stellungnahme: "Alle Interviewpassagen stammen von tatsächlichen Akteuren vor Ort, sind von den Autoren der Studie geführt, verschriftlicht und analysiert worden." Allerdings sei nicht klar gekennzeichnet worden, welche Interviewpartner die Autoren anonymisiert hatten - ein "formaler Fehler", der am Ergebnis der Studie aber "rein gar nichts" ändere, so Lühmann.

"Qualitative Forschung"

"Mehr als zweifelhaft" nennt Politiker Kauder außerdem, dass sich die Autoren nur auf 40 Interviews, durchgeführt in drei ostdeutschen Städten, stützen. Auch dafür hat Lühmann kein Verständnis: "Das ist qualitative Forschung", sagt er. Denn "wir kennen die Einstellungmuster schon aus Studien wie dem Sachsen-Monitor" - dieser hatte der Bevölkerung des Bundeslandes 2016 ein im Bundesvergleich deutlich erhöhtes Maß an Fremdenfeindlichkeit bescheinigt.

Im Gegensatz zu solchen quantitativen Studien habe sein Institut aber "nicht Einstellungen abfragen, sondern ergründen wollen", erklärt Lühmann. Konkret sei dies entlang wissenschaftlicher Standards in mehrstündigen Interviews geschehen, erklärt er. Ergänzend habe es teilnehmende Beobachtungen in Kneipen und auf Demonstrationen gegeben.

Auch dem Vorwurf, sein Team habe ein Urteil über ganz Ostdeutschland gefällt, tritt Lühmann entgegen: "Wir haben nicht den Ostdeutschen an sich erforscht". An der Studie haben ihm zufolge viele Vertreter aus Gruppierungen teilgenommen, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzen - beispielsweise Lokalpolitiker von Linken und Grünen sowie Kirchenvertreter. CDU-Vertreter seien wenige dabei gewesen und die AfD habe eine Teilnahme an der Studie "ganz energisch" abgelehnt, berichtet Lühmann.

In den heftigen Angriffen gegen sein Team und dessen Arbeit sieht Lühmann mittlerweile einen "Bärendienst" für den Kampf gegen den Rechtsextremismus, zumal er unter anderem der CDU-geführten sächsischen Landesregierung  bei der Stärkung der Politischen Bildung durchaus Erfolge attestiert. Handlungsempfehlungen besonders für die lokale Politik geraten Lühmann zufolge jetzt allerdings in den Hintergrund.

Mehr zum Streit um die Studie: https://goo.gl/ffDiFP

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige