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Reste-Essen vom Rückgabe-Band

Göttinger Mensen Reste-Essen vom Rückgabe-Band

„Bänderer“ essen in der Mensa Reste, die andere stehenlassen – aus ökologischen Gründen. Doch das „Tablettieren“, wie das Resteessen auch genannt wird, ist in Einrichtungen des Studentenwerks verboten. 

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Noch essbar, aber Abgabe verboten: Essensreste auf dem Geschirr-Rückgabeband in einer Göttinger Mensa.           

Quelle: CH

Göttingen. Pute mit Tomaten und Balsamico – lecker. Für Student Sascha (*Name geändert) ist das Gericht nur ohne Pute interessant, er ist Vegetarier. Deshalb nimmt er sich die Tomaten, die ein anderer Student nicht aufgegessen hat, vom Rückgabeband in der Mensa und verspeist Sascha ist ein sogenannter „Bänderer“ oder „Tablettierer“. Nur etwa zehn bis 20 „Bänderer“ seien sie an der Uni Göttingen, sagt der 24-Jährige. Sie sind ein Randphänomen. Das wollen sie nicht ändern, sondern vielmehr auf die „Flat-rate-Mentalität und Wegwerfgesellschaft“ aufmerksam machen, sagt Michael Schlorke, AStA-Referent für Ökologie und Nachhaltigkeit, „zum Nachdenken anregen, nicht zum Nachmachen“.

Schlorke hat bereits 2010 „gebändert“. „Da war ich noch ziemlich allein damit“, sagt der 29-Jährige, „ich habe mich aufgeregt, dass die Leute so viel wegschmeißen.“ Sascha meint: „Das Essen auf dem Band sieht oft noch gut aus.“ Das bestätigt Kommilitone Arne (*Name geändert): „Das ist immer noch Essen, auch wenn es auf dem Band steht“. Es sei schwer einzusehen, warum es nicht mehr gegessen werden dürfe.

Denn „Bändern“ ist verboten. „Aus hygienischen Gründen ist das Aufessen zurückgelassener Reste in den Einrichtungen des Studentenwerks nicht gestattet“, sagt Anett Reyer-Günther, Sprecherin des Studentenwerks. Essensreste werden in einer Biogasanlage verwertet. Das Weitergeben von Resten sei durch Hygiene-Vorschriften nicht erlaubt.

Reyer-Günther habe in Göttingen keine „Bänderer“ beobachtet, sagt aber: „Das Thema Essen ist den Menschen wichtiger geworden, sie setzen sich mehr damit auseinander, was zum Beispiel mit Resten passiert“. Solche gesellschaftlichen Tendenzen seien nicht verkehrt.

„Man wird schon mal komisch angeguckt oder für schmuddelig gehalten, wenn man tablettiert“, sagt Schlorke. „Manche interessieren sich aber für die Gründe“, sagt Arne. Die „Bänderer“ an der Uni Göttingen „tablettieren“ nicht täglich, „vielleicht alle ein, zwei Wochen mal“, sagt Schlorke, „es gibt keine Community, die ständig das Band abstaubt“. Sie kaufen sich auch Gerichte in der Mensa und setzen sich mit der Wegwerf-Problematik auseinander. Eine Idee von Schlorke: „Man könnte Doggybags einführen“.

Mit den Boxen könnten Studenten ihre Reste mitnehmen. Oder es könne die Möglichkeit eingeführt werden, dass man sich Essen nachnehmen könne, so Arne, dann würden Studenten nicht von vornherein zu viel nehmen. Umsetzbar sei das wahrscheinlich nicht, so die Einschätzung des 26-Jährigen mit den braunen Dreadlocks. Trotzdem: „Direkte Aktionen statt nur Reden“ seien wichtig in der Diskussion, meint Schlorke. So essen die Göttinger „Bänderer“ zwar nicht regelmäßig vom Band, aber beispielsweise, wenn sie nicht viel Hunger haben – oder eben gerade Tomaten mit Balsamico vorbeifahren.
Von Hannah Scheiwe 

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