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Göttingen Nachhaltigkeit im antiken Griechenland
Campus Göttingen Nachhaltigkeit im antiken Griechenland
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20:10 11.04.2018
Ein Vortrag von Historikerin Tanja Scheer (Foto) über„Nichts im Übermaß? Religion und Nachhaltigkeit im antiken Griechenland“ eröffnete die Ringvorlesung . Quelle: Niklas Richter
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Göttingen

Den Begriff der Nachhaltigkeit kannten die alten Griechen nicht, sie wirtschafteten – auch aus religiösen Gründen – trotzdem nachhaltig. Diese These hat die Göttinger Historikerin Prof. Tanja Scheer im ersten Vortrag der neuen Ringvorlesung „Nachhaltigkeit als Argument“ am Dienstag vertreten.

1300 Jahre lang bis zum Jahr 500 nach Christus, bis in die Spätantike, hätten die griechischen Stadtstaaten rund um das Mittelmeer Bestand gehabt, führte die Althistorikerin aus. Ohne einen schonenden Umgang mit den in der Region knappen Ressourcen Boden, Wasser und Wald wäre das nicht gelungen. Eine wichtige Rolle spielten dabei religiöse Werte und Vorstellungen, erklärte Scheer.

Orakel von Delphi

„Nichts im Übermaß“ sei eine solche Regel gewesen, erläuterte Scheer. Im Orakel von Delphi, das dem Gott Apollon geweiht gewesen sei, hätte sie an prominenter Stelle in Stein gemeißelt gestanden. Als „Erstlingsfrucht der Weisheit“ habe Philosoph Platon die Erkenntnis bezeichnet. Die Griechen haben die Norm Solon von Athen, einem der sogenannten „sieben Weisen“ der Frühzeit, zugeschrieben. Damit habe die Ablehnung von Gier und der Appell, Maß zu halten, von Beginn an das griechische Denken geprägt.

Zu einem respektvollen Umgang mit der Natur, so Scheer, habe auch deren teilweise Vergöttlichung beigetragen. Die Griechen erkannten zum Beispiel in der Erde die Göttin Gaia , die Mutter der Götter und Menschen. Auch Flüsse seien mit Göttern identifiziert worden. Wer Quellen mit Exkrementen verunreinige oder sie gar zuschütte, beschwöre den Zorn der dort lebenden Naturgeister, der Nymphen, herauf. In wilden Gebirgswäldern tanzten nach dem Glauben der Griechen Nymphen gemeinsam mit Göttern, stellte Scheer ein weiteres Beispiel dar.

Demeter und das Getreide

„Einige der natürlichen Ressourcen galten als Geschenke der Götter“, berichtete die Wissenschaftlerin. So habe der griechischen Mythologie zufolge die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter den Menschen den Anbau des Getreides gelehrt. Der Gott des Weines, Dionysos, habe nach dem Glauben der Griechen die Weinreben wachsen lassen. Die Olivenbäume seien ein Geschenk der Weisheitsgöttin Athene gewesen.

„Eine große Zahl heiliger, der Athene geweihter Olivenbäume standen in der Region Attika“, führte die Professorin aus. Behördenvertreter hätten sichergestellt, dass niemand sie fällte oder schädigte. Olivenhaine seien im übrigen ein gutes Beispiel für nachhaltiges Wirtschaften. Erst nach 17 Jahre trage ein solcher Baum das erste Mal Furcht. Das sei eine lange Zeit angesichts einer durchschnittlichen Lebensdauer von 22 bis 25 Jahren im antiken Griechenland. Neben Öl liefere der Baum auch Brennmaterial: Zweige und die Rückstände nach dem Ölpressen.

Eigentum der Götter

„Darüber hinaus wurden Ressourcen auch als Eigentum der Götter verstanden und entsprechend respektvoll behandelt“, führte Scheer aus. So seien bestimmte Flächen an Bauern verpachtet worden, um den Kultus zu finanzieren.

„Es gab genaue Vorschriften, wie solche Grundstücke zu bewirtschaften waren“, berichtete Scheer. Die Bauern hätten Anbaufolgen beachten und Laub als Dünger nutzen müssen. Ihnen wurde vorgeschrieben, die Grundstücke einzuzäunen, damit keine Tiere eindringen und Schäden verursachen könnten. Nach Ende der Pachtzeit durften die Bauern das Bauholz und die gebrannten Ziegel der Gebäude auf dem Grundstück wieder mitnehmen. Sie seien dann anderswo erneut verwendet worden. Nicht alle Griechen wirtschafteten immer nachhaltig, räumte Scheer ein.

Programm der Ringvorlesung

„Nachhaltigkeit als Argument“ lautet der Titel der Ringvorlesung, die die Universität und die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen im Sommersemester jeweils dienstags um 18.15 Uhr in der Aula der Universität, Wilhelmsplatz 1, durchführen. Historiker und Literaturwissenschaftler, Biologen und Landschaftsökologen betrachten das Thema aus der Perspektive ihres Faches. Mehr als 100 wissenschaftliche Definitionen des Begriffs Nachhaltigkeit gebe es, erklärte Prof. Arnd Reitemeier vom Institut für Historische Landesforschung bei der Eröffnung der Reihe. Oft schwinge Zukunftsangst mit. Gruppen versuchten daher den Diskurs über Nachhaltigkeit zu kontrollieren. Bei der nächsten Vorlesung am 17. April präsentieren die Göttinger Archäologen Prof. Johannes Bergemann und Mario Rempe ihre Ergebnisse zum nachhaltigen Wirtschaften der Griechen. mic

Von Michael Caspar

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