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Soziologie zwischen Reeducation und Karl Marx

Vortrag im Oeconomicum Soziologie zwischen Reeducation und Karl Marx

„Die Göttinger Soziologie war zu meiner Zeit links, die Universität anfangs noch ziemlich braun“, erinnert sich Wolfgang Eßbach. Der emeritierte Freiburger Soziologie-Professor, der von 1966 bis 1986 in Göttingen lebte, hat bei einer Vortragsreihe zur Geschichte der Disziplin an der Hochschule gesprochen.

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Vertreter des Fachbereichs Soziologie in Göttingen: Prof. Kern (l.), ehemaliger Präsident der Georgia Augusta, und der Grünen-Politiker Trittin.

Quelle: EF

Göttingen. Die westlichen Alliierten, so der Wissenschaftler, hätten nach dem Zweiten Weltkrieg die Etablierung der Soziologie an deutschen Universitäten gefördert. Das sei Teil ihres Reeducation-Programms gewesen, mit dem sie die Deutschen zu Demokraten umerziehen wollten. Die Soziologen habe unter anderem die Frage beschäftigt, warum Bürgertum und Arbeiterklasse anfällig für den Nationalsozialismus gewesen seien.

 
„In Göttingen bildeten die Soziologen zunächst mit den unternehmerfreundlichen Wirtschaftswissenschaftlern eine Fakultät, was für Reibung sorgte“, führte Eßbach aus. Probleme hätten die Rechten insbesondere mit den reformpädagogisch geprägten Soziologen aus Wilhelmshaven gehabt, die 1962 im Zuge der Schließung der dortigen Universität nach Göttingen gekommen seien.

 
Eßbach wechselte 1966 im fünften Semester als Lehramtsstudent der Germanistik, Geschichte und Philosophie von Freiburg nach Göttingen. „In Freiburg hatte ich zuletzt eine flammende Rede gegen den Vietnamkrieg gehalten“, erinnerte sich das Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS), von dem sich die SPD 1961 lossagte. In Göttingen stieg Eßbach 1967/68 zum Asta-Vorsitzenden auf. Viele seiner Mitstreiter hätten das Fach Soziologie studiert, weil sie sich dort mit marxistischer Theorie und mit Fragen der Arbeitswelt befassen konnten.

 
Eßbach wurde nach seinem Staatsexamen auf der Weender Straße von einem der Göttinger Soziologieprofessoren, Max Ernst Graf zu Solms-Rödelheim, angesprochen. „Er machte aus mir einen Soziologen“, sagte der Freiburger. Der Germanist bewarb sich 1971 erfolgreich auf eine offene Assistentenstelle.

 
In den 70er-Jahren, so Eßbach, sei der SDS in vier Strömungen zerfallen. Viele der Göttinger Soziologen hätten sich mit dem linken Flügel der SPD und mit Willy Brandt identifiziert. Mit Prof. Horst Kern stellten sie von 1998 bis 2004 den Universitätspräsidenten. Eßbach: „Das nenne ich eine Karriere.“ Eine andere, in Göttingen schwache Strömung hätte sich dem realen Sozialismus verbunden gesehen und mit der DKP sympathisiert. Eine dritte Strömung, zu der etwa der Diplom-Sozialwirt und spätere Grünen-Politiker Jürgen Trittin gehört habe, hätten sich den neoleninistischen oder maoistischen K-Gruppen angeschlossen. Er selbst, so Eßbach, sei Teil jener Strömung gewesen, die mit den Anarchosyndikalisten der romanischen Länder, den Ostblock-Dissidenten und französischen Theoretikern wie Michel Foucault sympathisierten.

 
Der nächste Vortrag in der Reihe „Geschichte der Soziologie in Göttingen“ folgt am Mittwoch, 10. Februar, um 18.15 Uhr im Oeconomicum, Raum 0.211, Platz der Göttinger Sieben 3. Prof. Wolf S. Rosenbaum (Göttingen) spricht zum Thema „Zwischen disziplinärer Identität und Interdisziplinarität“.

 

Von Michael Caspar

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