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Spiele in der lateinischen Literatur des Mittelalters

Peter Orth beim ZMF Spiele in der lateinischen Literatur des Mittelalters

Ruinöse Würfelpartien, verständige Schachstrategen und didaktische Kartenspiele – die literarische Beschäftigung mit Spiel und Spielen war schon immer ambivalent. Auf Einladung des Zentrums für Mittelalter- und Frühneuzeitforschung (ZMF) sprach Prof. Peter Orth von der Universität zu Köln über „Spiele und Spielen in der lateinischen Literatur des Mittelalters“.

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Schach: Edles Spiel im Gegensatz zum Glücksspiel.

Quelle: EF

Als sich Ritter Thiemo im finsteren Mittelalter dem Glücksspiel verschreibt, stehen die Chancen auf eine erfolgreiche Spielerkarriere nicht besser als heute. Zwar besiegt der glückliche Ritter viele seiner weniger glücklichen Landsleute. Doch bevor er sich auf dem angehäuften Reichtum ausruhen kann, fordert ihn der Teufel zu einer finalen Partie, nimmt ihn erst vom Tisch und schleudert ihn dann durch das Dach direkt in die Hölle.

Die Geschichte von Ritter Thiemo illustriert beispielhaft die ablehnende Haltung der mittelalterlichen Moralapostel gegenüber dem Glücksspiel. Wie Prof. Peter Orth von der Universität Köln betont, ist das aber nur die eine Seite in einem stark polarisierenden Diskurs: Denn während Würfel- und Kartenspiele als gefährliche und lasterhafte Erfindungen des Teufels gelten, wird das Schachspiel hingegen als edle, ritterliche Tugend nobilitiert. Zwischen diesen beiden Polen, zwischen Glücksspiel und Schach, Laster und Tugend, changiere die literarische Thematisierung von Spiel und Spielen im Mittelalter, so Orth.

In den „Carmina Burana“ findet sich dieser Gegensatz idealtypisch vorgeführt: Die vornehmlich mittellateinische Anthologie aus dem 11. und 12. Jahrhundert versammelt im dritten Abschnitt 40 Trink- und Spielerlieder, die von ausschweifenden Exzessen in düsteren Tavernen erzählen, von bitteren Verlusten und gescheiterten Existenzen. Getreu dem Motto „Her mit Wein und Würfel! Zum Teufel mit dem, der sich über das Morgen sorgt!“ verlieren die Protagonisten erst ihre Kleider, schließlich ihr gesamtes Hab und Gut. Das Schachspiel wird in den „Carmina Burana“ nur als Kontrastfolie herangezogen, um den verderblichen, ruinösen Charakter des Glücksspiels noch zu unterstreichen.

Ganz ähnliche Beobachtungen macht auch der fiktive Ovid in der fingierten Biografie „De Vetula“ aus dem 13. Jahrhundert. Er berichtet von niederen Instinkten, die das Glücksspiel affiziere, von bedenklichem Verhalten und blasphemischen Flüchen am Spieltisch. Ganz Mathematiker nähert sich Pseudo-Ovid dem Glücksspiel stochastisch und errechnet die Wahrscheinlichkeiten des Würfels. Conclusio: Das Ergebnis sei reiner Zufall. Beim Schach hingegen nehme der Spieler sein Schicksal selbst in die Hand. Über Sieg und Niederlage entschieden allein die spielerischen Fähigkeiten der Kontrahenten, die Beherrschung von Regeln und Techniken.

Wie das Schachspiel, so erfordert im Mittelalter auch das gesellschaftliche Leben die Beherrschung von Regeln und strategischer Raffinesse. Zahlreiche Benimm- und Moralschriften bedienen sich des allegorischen Potenzials des Schachspiels und illustrieren an König, Königin und Hofstaat die richtigen Umgangsformen und Verhaltensweisen am Hof. Das Schachbuch des Jacobus de Cessolis aus dem 14. Jahrhundert ist eine der bekanntesten Schachallegorien und führt vor, wie die mittelalterliche Ständegesellschaft im bildlichen Vergleich des Schachspiels nicht nur kommentiert, sondern auch kritisiert werden konnte.

Von der allegorischen Funktionalisierung des Schachspiels scheint es nicht mehr weit zur nützlichen Anwendung auch anderer Spiele. Und doch: Erst im geistigen Klima des Humanismus entstehen erste didaktische Spiele, wie sie bis heute populär sind. Dem Leitsatz „Solvite problema ludentes“ folgend, konzipiert etwa der katholische Publizist Thomas Murner zu Beginn des 16. Jahrhunderts zwei Kartenspiele zum römischen Recht und zur Logik, der Gymnasiallehrer Matthias Ringmann entwirft ein Spiel zur lateinischen Grammatik.
Orth zieht einen weiten Bogen, vom dramatischen Ende des Ritters Thiemo über die Gefahren und den Nutzen von Spielen hin zu ihrer didaktischen Anwendung. Spiel und Spiele haben einen festen Platz im mittelalterlichen Leben, resümiert Orth, und auch wenn ein Schicksal wie das Ritter Thiemos heute unwahrscheinlich ist, so behalten die Warnungen, guten Ratschläge und Allegorien der lateinischen Schriften doch ihre Aktualität.

Von Christian Volmari

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