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Steigendes Interesse an gläsernen Kunden

Handel mit Daten Steigendes Interesse an gläsernen Kunden

„Der Handel mit personenbezogenen Datensätzen boomt“, beobachtet der Kasseler Professor für Direktmarketing, Ralf Wagner. Unternehmen kauften von Online-Dienstleistern Datensätze, die sie aufbereiteten und für Werbezwecke nutzten, führte er in der Göttinger Paulinerkirche aus.

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Täterprofile und Kundenverhalten können nach Datenauswertung statistisch erhoben werden.

Quelle: dpa

Göttingen. „Wer soziale Netze nutzt, online bestellt und bezahlt, sich mit GPS durch die Stadt führen lässt, hinterlässt Datenspuren im Internet“, erläuterte Wagner während der Tagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Statistik. Die Anbieter der oft kostenlosen Dienste verkauften die Datensätze weiter. Der Kunde erfahre davon selten etwas. Datenhändler führten verschiedene Datensätze zusammen. So entstehen persönliche Profile mit zum Teil sehr intimen Details.

Veränderung im Einkaufsverhalten

Wagner erläuterte das am Beispiel eines Vaters: „Als seine minderjährige Tochter von einer Supermarktkette Werbung für Umstandsmoden erhielt, protestierte er dort lautstark.“ Vier Wochen später habe er sich beim Supermarkt entschuldigt. „Das Mädchen war tatsächlich schwanger“, sagte Wagner. Der Einzelhändler habe bei der vollautomatischen Auswertung der Kundendaten eine Veränderung in ihrem Einkaufsverhalten registriert, die auf eine Schwangerschaft hindeutete und entsprechend reagiert.

„Die Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende“, betonte der Wissenschaftler. Feuermelder und Fernsehgeräte der Zukunft könnten die Zahl und Identität von Personen in einem Raum erfassen. Gesundheitsapps sammelten Daten, die für Krankenkassen interessant seien. Autos erfassten Informationen zum Fahrverhalten einer Person, was für Versicherungskonzerne spannend sei.

Ralf Wagner

Quelle: EF

Die Daten, die Hightech-Kühlschränke und Herde lieferten, eröffneten dem Marketing neue Möglichkeiten. Kameras am Computer nähmen den emotionalen Zustand einer Person wahr, wodurch sich Werbung perfektionieren alls. „Vielen Menschen nutzen die Möglichkeiten moderner Technik aus Bequemlichkeit, ohne sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen“, warnte Wagner.

Gesetzgeber hinkt hinterher

Eine Zuhörerin erwiderte, dass der Staat schon für Datenschutz sorgen werde. Wagner quittierte das mit einem Lächeln: Die technische Entwicklung sei so rasant, dass der Gesetzgeber immer hinterher hinke, erklärte er. Vor diesem Hintergrund sei es weise, nicht immer die neuesten Geräte und Apps zu verwenden. Den meisten Politikern fehle zudem das nötige Fachwissen, um bestimmte Entwicklungen richtig einzuschätzen.

„Der Staat verfolgt schließlich eigene Interessen“, stellte Wagner klar. Die Bundesrepublik nutze etwa den Bundestrojaner, um Bürger auszuspionieren. Den Sicherheitsorganen erleichtere die Technik ihre Arbeit. Überfälle ließen sich aufklären, wenn die Täter mit Smartphone unterwegs seien.

Die Polizei müsse nur auswerten, wer sich zum Tatzeitpunkt am Ort des Überfalls aufgehalten habe. Nach Terroranschlägen seien die Täter schnell identifiziert. „Wer weiß, wonach er suchen muss, wird rasch fündig“, so der Professor.

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