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14:31 16.01.2018
Im Institut für Germanistik brüten Studierende über alten Schriften (v.l.): Karina Heepe, Sören Hoch, Jan Schaffert, Prof. Heike Sahm, Carl Spinger und Michelle Disep. Quelle: Markus Hartwig

Das Niederdeutsche hat eine eigene Sprachgeschichte mit alten Texten aus der Zeit der Buchdruck-Erfindung im 15. Jahrhundert. Deren Frakturschrift aber ist nur von Spezialisten lesbar. Fünf Bachelor-Studenten haben mit einem Forschungsprojekt begonnen, sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

„Man schätzt den Anspruch, diese Texte zu lesen, leicht falsch ein“, sagt Prof. Heike Sahm, die das Projekt begleitet hat. Das überraschte auch sie selbst, als sie im vergangenen Wintersemester ein Seminar anbot, in dem niederdeutsche und hochdeutsche Texte aus der Zeit um 1500 verglichen wurden.

Größere Wortvielfalt

„Die Hauptbeobachtung war, dass alle niederdeutschen Texte teils erheblich länger waren und eine größere Wortvielfalt aufwiesen als die hochdeutschen“, erzählt Seminar- und Projektteilnehmer Sören Hoch. „Die Frage war: Warum ist das so?“ Das ließ sich im Seminar nicht mehr beantworten, weil sich die Transkriptionsarbeit der Frakturschrift – die Übertragung des Originaltextes in lateinische Buchstaben – so lange hingezogen hatte. So wurde das Projekt geboren und im Rahmen des Forschungsorientierten Lehrens und Lernens von der Universität Göttingen finanziert.

Dazu wurden fünf sehr unterschiedliche Texte auf niederdeutsch und auf hochdeutsch untersucht: Zunächst wurden die Texte sorgfältig transkribiert, dann wurden Wortschatzlisten erstellt, die deutlich machten, dass die gedruckte Sprache im Niederdeutschen weniger einheitlich war und dass die niederdeutschen Texte deutlich länger, aber inhaltlich identisch waren.

Qualitätskontrolle der Transkriptionen

Das genaue Vergleichen von Textstellen ergab: Bei der Übertragung ins Niederdeutsche wurde konsequent der gesamte Text sehr kleinteilig überarbeitet und damit ausgeschmückt, besser erklärt sowie „höflicher“ gemacht. Während es im Hochdeutschen heißt: „Weib, komm mal her“, steht im Niederdeutschen: „Liebe Frau, würdest du bitte einmal kommen.“

Was sich im Ergebnis so einfach darstellt, ist Resultat einer intensiven Arbeit neben dem Studium her, die sich über etwa neun Monate hinzog und gerade in den letzten Zügen der Qualitätskontrolle der Transkriptionen liegt. Dann gehen die fünf Texte zur digitalen Veröffentlichung an das Deutsche Textarchiv – verschlagwortet und damit auch für die weitere wissenschaftliche Bearbeitung erschlossen. Ebenso ist geplant, die Texte samt später irgendwann noch anzufertigender Übersetzung in eine Niederdeutsch-Leseausgabe für die Schule aufzunehmen.

Weiteres Forschungsprojekt geplant

Wie viel Arbeit es werden würde, hat alle Teilnehmer überrascht. Doch sie sind sich einig: Es hat sich absolut gelohnt. Von einem „immensen Ertrag“ spricht Professorin Sahm, auf dem aufbauend sie mit einem Kollegen nun ein größeres Forschungsprojekt beantragt hat. „Es gibt eine Menge Forschung zur niederdeutschen geistlichen Prosa. Aber die weltlichen Erzähltexte wie die im Projekt betrachteten sind einfach noch gar nicht untersucht.“

„Wir konnten eigene Ideen in das Projekt einbringen, das hat viel des Charmes ausgemacht“, sagt Carl Spinger über seine Erfahrungen. „Mir hat die eigenständige Organisation, der Austausch mit Wissenschaftlern und die Notwendigkeit des Teambuilding persönlich sehr viel gebracht“, so Michelle Disep. „Und am Ende die Frage zu beantworten, wie man die Arbeit von neun Monaten in eine allgemeinverständliche zehnminütige Präsentation bringen kann“, ergänzt Karina Heepe. Und Sören Hoch? „Für mich das Wichtigste, das man in so einer Projektarbeit lernt: Vertraue niemandem. Ich nehme mich da nicht aus.“

INFO

Wer hat’s gemacht?

Projektteilnehmer: Sören Hoch, Niklas Foitzik, Michelle Disep, Karina Heepe, Carl Simon Spinger

Betreuende Professorin: Heike Sahm.

Von Sven Grünewald

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