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Campus Göttingen Die Krise jenseits der Mittelschicht
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17:07 07.08.2018
Die Soziologin Andrea Hense hat nach den Ursachen gesucht, warum Menschen sich beruflich und finanziell verunsichert fühlen. Quelle: kpw-photo
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Göttingen

Viel ist von der Krise der Mittelschicht die Rede. Das verschleiert den Blick darauf, dass bei den Schlechtergestellten die Ängste vor dem Arbeitsplatzverlust sowie finanzielle Sorgen deutlich stärker ausgeprägt sind. Das ist das Ergebnis einer Studie des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) Göttingen.

Wichtig ist Andrea Hense, Autorin der Studie und wissenschaftliche Mitarbeiterin am SOFI, dass nicht versucht wurde, eine Unterschicht zu definieren oder zu betrachten. Vielmehr wurde gefragt, welche Menschen oder Gruppen ihre Situation als prekär wahrnehmen und welche Gründe sich dafür finden lassen. Dazu hat sie die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ausgewertet, einer großen jährlichen Haushaltsbefragung, die in Westdeutschland seit 1984 und in Ostdeutschland seit 1990 Daten erhebt.

Verschiedene Faktoren sind entscheidend

Das Ergebnis: Die Wahrnehmung einer prekären Situation, also die Unsicherheit über die eigene berufliche und finanzielle Zukunft, wird von verschiedenen Faktoren bestimmt. Wer etwa einen sehr sicheren Job hat, wie etwa Beamte, gute Qualifikationen besitzt oder in Führungsposition arbeitet, hat deutlich geringere Verlustängste. Entsprechend macht sich auch bemerkbar, wenn Berufsperspektiven wenig planbar sind – der Klassiker sind befristete Verträge, wie sie beispielsweise in der Wissenschaft gängig sind.

Auswirkungen hat aber auch die Haushaltssituation: Existiert ein zweites Einkommen, mildert dies das Unsicherheitsgefühl ab. Auch die eigene Vergangenheit und die Herkunft haben einen Einfluss: Wer aus einfachen Verhältnissen stammt, wird auch als Führungskraft ein stärker ausgeprägtes Prekarisierungsgefühl haben als seine aus besseren Verhältnissen stammenden Kollegen.

Es zeigt sich: Prekariatswahrnehmung hat nur teilweise etwas mit Armut zu tun, sondern sie spiegelt ein generelles Unsicherheitsgefühl wider, auf das sozialpolitische Maßnahmen einen großen Einfluss haben. Ist die Arbeitslosigkeit niedrig wie aktuell, dann haben auch Menschen mit schlechteren Qualifikationen bessere Jobchancen und spüren weniger Verunsicherung. Werden Maßnahmen wie Hartz IV beschlossen und den Menschen damit frühere Sicherheiten genommen, lässt das die Verunsicherung ansteigen.

In Westdeutschland machen sich etwa zehn Prozent große Sorgen um ihre Beschäftigungszukunft und 30 Prozent einige Sorgen. Große Angst um die Einkommenssituation machen sich in Westdeutschland 12 Prozent, 50 Prozent machen sich einige Sorgen. In Ostdeutschland liegen die Zahlen jeweils etwas höher.

Prekariat befördert Krankheiten

Es gebe gute Gründe, Prekariat zu verhindern, so Andrea Hense, da es sich dabei nicht nur um ein individuelles, sondern auch um ein gesellschaftliches Problem handele. „Prekariat befördert Krankheiten, insbesondere psychische, weil es zu Konflikten und Verunsicherung am Arbeitsplatz und häufig auch in der Familie führt.“ Das hat Auswirkungen auf die Betriebe, auf steigende Kosten im Gesundheitssystem und auf die Familienplanung, in dem die Entscheidung für Kinder aufgeschoben wird. Auch eine Radikalisierung von Betroffenen sei eine Gefahr, so Hense. Zwar spielten dafür verschiedene Faktoren eine Rolle, aber wenn Menschen das Gefühl haben, ausgegrenzt und nicht mehr aufgefangen zu werden, erhöhe dies das Risiko.

Nur in Bildung zu investieren, greife dabei jedoch zu kurz, ist sich Hense sicher. Es gehe auch darum, Befristungspraktiken zu begrenzen, die finanzielle Sicherheit von Haushalten im Falle der Arbeitslosigkeit zu erhöhen, Mitbestimmungs- und Arbeitnehmerrechte zu stärken und eine höhere Verbindlichkeit von Tarifverträgen zu erreichen. Von der Verunsicherung der Mitte zu sprechen, sei definitiv berechtigt, so Hense. Hier gebe es zunehmend Abstiege in die Prekarität. Doch jenseits der Mitte existiere bislang kaum eine Lobby für diejenigen, die ein viel höheres Risiko tragen und für die etwa ein Arbeitsplatzverlust viel gravierende Auswirkungen hat.

Von Sven Grünewald

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