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Studie über die Rituale der studentischen Orientierungsphasen in Göttingen

Nach Ballermann-Muster Studie über die Rituale der studentischen Orientierungsphasen in Göttingen

Die Universität Göttingen ist eine traditionsreiche Einrichtung, an der seit mehr als 275 Jahren viele akademische Rituale gepflegt werden. Eine studentische Forschergruppe hat jetzt eine relativ junge „Tradition“ untersucht: Die so genannte „O-Phase“ (Orientierungsphase), in der sich die Studienanfänger zu Semesterbeginn mit der Universität und ihren Studienfächern vertraut machen und erste Kontakte knüpfen.

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Wasserspiele an der Johanniskirche: Teilnehmer der Orientierungsphase im Oktober 2014.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Seit einigen Jahren arten diese Einführungsveranstaltungen regelmäßig in kollektive öffentliche Besäufnisse aus. Auch zu Beginn dieses Wintersemesters landeten acht Studenten mit einer Alkohol-Vergiftung in der Notaufnahme des Klinikums. Die Studie macht vor allem eines deutlich: Die ritualisierten Exzesse in der O-Phase sind männlich geprägte, sexualisierte und oft auch reichlich prollige Veranstaltungen einer Mehrheitsgruppe, die andere Studierende außen vor lässt.

Die Studie entstand im Rahmen des Projekts forschungsorientiertes Lehren und Lernen. Dieses bietet Bachelorstudierenden die Möglichkeit, in kleinen Teams ein Forschungsprojekt selbständig zu erarbeiten und zu realisieren. Die sechs Autoren aus den Fächern Geschlechterforschung, Ethnologie und Kulturanthropologie untersuchten  „Differenzen und Zugehörigkeiten“. Als Titel ihres Abschlussberichts wählten sie ein Zitat aus ihren Interviews:  „Aber scheiß drauf, O-Phase ist nur einmal im Jahr“.

Die Exzesse sind ein vergleichsweise junges Phänomen. Vor einigen Jahren gingen insbesondere die Fachschaften der großen Fakultäten wie der Wirtschaftswissenschaften und der Medizin dazu über, zum gegenseitigen Kennenlernen nicht nur abendliche Kneipentouren anzubieten, sondern auch „Stadtrallyes“ mit Spielen, Unmengen von Bier und harten Getränken zu veranstalten. Für ihre Studie beobachteten die Autoren den Ablauf der O-Phasen in den Fakultäten Physik sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede. Während die Physiker vergleichsweise wenig Alkohol tranken, war bei den Wirtschaftswissenschaftlern der Alkohol geradezu omnipräsent. An jeder Rallye-Station wurde Hochprozentiges ausgeschenkt. Den Berichten der Erstsemester zufolge wurde dabei ein erheblicher Gruppendruck aufgebaut, dem sie sich nur schwer entziehen konnten. Nicht selten ähnelten die von Tutoren inszenierten Initiationsrituale den „Ballermann“-Gepflogenheiten von Mallorca-Urlaubern.

Bei einem Wettbewerb mussten die Gruppen beispielsweise mehrere Eimer Sangria so schnell wie möglich leer trinken. Beim Spiel „Kleiderkette“ sind so viele Kleidungsstücke wie möglich miteinander zu verbinden, was dazu führt, dass manche Teilnehmer am Ende halbnackt dastehen.

Die O-Phase in den Wirtschaftswissenschaften zeichnete sich durch eine allgegenwärtige Sexualisierung und ein ausgeprägtes Macker-Gehabe aus, heißt es in der Studie. Ein Wettbewerb bestand darin, dass „fünf mutige Mädels“ sich auf den Boden legten, während „fünf starke Männer“ über ihnen Liegestützen machten. Diese „Inszenierungen einer prolligen Männlichkeit“ gingen mit stereotypen Rollenverteilungen einher. Die Männer waren präsenter, lauter und verwiesen die Frauen auf die ihnen zugeschriebenen Positionen – kein Wunder, dass so wenige Frauen in den Führungsetagen der Wirtschaft zu finden sind, wenn das Studium so beginnt…

Die interviewten Studienanfänger beschrieben auch positive Aspekte der O-Phase, etwa das angenehme Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und die Möglichkeiten, erste Kontakte zu knüpfen. Insgesamt, so das Fazit der Studie, weisen die Veranstaltungen jedoch einen strukturellen Mangel auf: Die Rituale sind auf eine privilegierte Mehrheitsgruppe gemünzt. Wer nicht mittrinken oder seine Körperlichkeit nicht zur Schau stellen mag, bleibt außen vor. Nach Ansicht der Autoren sollten die Organisatoren daher verstärkt darüber nachdenken, wie man die O-Phase inklusiv gestalten könnte.

Von Heidi Niemann

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