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Tagung „Protestantismus im geteilten Deutschland“ in Göttingen

Grenzüberschreitende Gemeinschaft Tagung „Protestantismus im geteilten Deutschland“ in Göttingen

Die Kirche in der DDR hat ihre Räume auch für Menschen geöffnet, die vom Staat bedrängt wurden. Das machte sie, neben anderen Eigenschaften, zum einzigen „demokratischen Sektor“ in dem sozialistischen Staat, so Jürgen Schmude, der am Montag zur Eröffnung der Tagung „Protestantismus im geteilten Deutschland“ an der Universität Göttingen sprach.

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Quelle: dpa

Göttingen. Die evangelische Kirche in der DDR wollte nicht politisch aktiv sein, weil das zu Konflikten mit Staat und Partei geführt hätte. Trotzdem wirkte sie politisch. Diese These hat Schmude, der langjährige Vorsitzende des Kirchenparlaments der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), vertreten. Der SPD-Politiker, der unter Helmut Schmidt Ministerämter bekleidet hat, nahm von 1960 an regelmäßig an Treffen mit Partnergemeinden in der DDR teil. Von 1985 bis 2003 pflegte er als Präses der EKD-Synode Kontakte zu Kirchenoberen in Ostdeutschland. Diese, so der 79-jährige Schmude, seien immer bemüht gewesen, Konflikte mit dem Staat zu vermeiden. „Sie waren von dessen Wohlwollen in vielfältiger Form abhängig“, erklärt der ehemalige Präses.

Trotzdem sei die Kirche durch ihre bloße Existenz für die DDR-Führung „ein Ärgernis“ gewesen, betont er. Sie habe den einzigen „demokratischen Sektor“ im Land gebildet. Schmude: „Innerhalb der Kirche gab es Meinungsfreiheit, Wahlen und freie Beschlussfassungen.“ Der Staat habe die gewählten Kirchenparlamentarier nie mit Drohungen und Manipulationen vollständig unter seine Kontrolle bringen können. Mit den Beschlüssen der Synoden sei er immer unzufrieden gewesen.
„Die Kirche öffnete zudem ihre, vom Staat nicht kontrollierten Räume Bedrängten“, berichtet Schmude. Die schikanierten Ausreisewilligen seien dort untergekommen. Friedens- und Umweltgruppen hätten dort arbeiten dürfen. In der Wendezeit habe die Kirche den unzufriedenen, aufbegehrenden Menschen Versammlungsmöglichkeiten geboten. Gleichzeitig habe sie mit ihrem Drängen auf Gewaltlosigkeit mäßigend gewirkt. Die praktischen Erfahrungen mit Demokratie trugen nach Schmudes Einschätzung nach der Wende dazu bei, dass überdurchschnittlich viele Menschen aus dem kirchlichen Milieu in der Politik Erfolg hatten.

„Um die Kirche zu schwächen, drängte die DDR große Teile der Bevölkerung zum Kirchenaustritt“, weiß der ehemalige Präses. Dass diese trotzdem fortbestanden habe, liege nicht zuletzt an Finanztransfers aus dem Westen. „Das Geld, das zu einem großen Teil von der Bundesregierung aufgebracht wurde, diente zur Bezahlung der Mitarbeiter sowie für Baumaßnahmen“, so Schmude. In der Bonner Republik habe parteiübergreifend die Überzeugung geherrscht, dass die grenzüberschreitende Gemeinschaft evangelischer Christen als Klammer im geteilten Deutschland wirke.

Dass die Kirche trotz ihrer Verdienste nach der Wende stark an gesellschaftlicher Bedeutung verloren hat, macht den ehemaligen Präses ratlos. Schmude sprach im Rahmen der Tagung „Protestantismus im geteilten Deutschland“. Sie wird von einer Gruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft organisiert. Ihr gehören 17 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen aus Göttingen und München an. Das Projekt will den Austausch zwischen Theologie und Gesellschaftswissenschaften fördern.

Von Michael Caspar

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