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Tee statt Tabletten

Weniger Schlafmittel Tee statt Tabletten

Schlafmittel sind umstritten. Besonders die Benzodiazepine können abhängig machen. Ein Projekt des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität und des Evangelischen Krankenhauses hat unter dem Motto „Schlaffreundliches Krankenhaus“ Strategien entwickelt, den Einsatz dieser Mittel zu reduzieren.

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Roland Nau, Wolfgang Himmel, Eva Hummers und Michael Karaus (v. l.) wollen ein schlaffreundliches Krankenhaus.

Quelle: R

Göttingen. Ausgangspunkt, so Prof. Wolfgang Himmel und Prof. Eva Hummers vom Institut für Allgemeinmedizin, war eine Ausschreibung des Bundesministerium für Gesundheit. Immer noch werden in Krankenhäusern häufig Schlaftabletten verabreicht. „Die ungewohnte Umgebung, Ängste vor Operationen“, so Himmel, machen das Schlafen für viele schwierig. Untersucht werden sollten Möglichkeiten zur Reduzierung. Denn abgesehen von der Gefahr der Medikamentenabhängigkeit, führen die Nebenwirkungen dieser Medikamente wie Benommenheit zu einem erhöhten Sturzrisiko - besonders bei älteren Menschen.

Das Team führte eine umfangreiche Befragung im Weender Krankenhaus durch. Patienten wurden befragt, genauso wie das Personal. „Wie häufig sind Schlafprobleme bei den Patienten, woran hapert es, wenn man die Situation ändern will“, gibt Himmel Beispiele aus dem Fragenkatalog. Doktoranden durchforsteten drei Monate lang die Dokumentation des Medikamentenverbrauchs.

Schlafmittel

Zu den häufig verschriebenen Schlafmitteln gehören die Benzodiazepine und die sogenannten Z-Medikamente. Benzodiazepine, bekannt beispielsweise unter den Handelsnamen Valium oder Travor, haben beruhigende, angstlösende und schlaffördernde Wirkungen. Sie sind nicht zur Langzeitanwendung als Schlafmittel geeignet und dürfen in der Regel nicht länger als vier Wochen benutzt werden. Die Gefahr, eine Abhängigkeit zu entwickeln, gilt als erhöht. Z-Medikamente wie Zopiclon, Zaleplon und Zolpidem haben ebenfalls muskelentspannende und krampflösende Wirkung, das Abhängigkeitspotential soll geringer sein.

Interessant war für die Wissenschaftler auch die Frage, ob die Patienten, die im Krankenhaus Schlafmittel bekommen, diese zu Hause weiternehmen. Ob also der Krankenhausaufenthalt der Einstieg in eine Abhängigkeit von diesen Mitteln sein kann. Aus der Vielfalt der vorliegenden Ergebnisse steche vor allem heraus, dass nahezu die Hälfte aller Patienten mindestens einmal während des Krankenhausaufenthalts Schlaf- oder Beruhigungsmittel nehmen, so Himmel.

„Uns war die Gefahr einer solchen Nachwirkung gar nicht bewusst“, sagt Prof. Michael Karaus, Medizinischer Geschäftsführer des EKW. Das Krankenhaus habe sich nicht zuletzt deshalb gern und mit Engagement an dem Projekt beteiligt. „Bei Ärzten, Pflegepersonal und Verwaltung sind wir sofort auf eine große Bereitschaft getroffen, an der Situation etwas zu ändern“, so Himmel.

Die beschlossenen Änderungen laufen nun an. Statt des schnellen Griffs zur Tablette werden den Patienten Alternativen angeboten: Ohrstöpsel, Schlafmasken, beruhigende Tees oder Baldrian. Oder der Rat, doch einfach im Aufenthaltsraum zu lesen, wenn es mit dem Schlafen nicht klappt. „Noch ist das alles sehr frisch“, sagt Karaus. In Vorträgen und Fortbildungen werden die Maßnahmen dem Personal näher gebracht. Die Patienten macht eine große Plakataktion aufmerksam. Geändert wurde auch die Besetzung der Nachtdienste. „Hier war die Betreuungssituation immer schon kritisch“, erklärt Prof. Roland Nau, Chefarzt der geriatrischen Abteilung. Nun gebe es einen langen und einen kurzen Nachtdienst, sodass zumindest bis 24 Uhr immer zwei Pflegekräfte auf den Stationen sind. Im Herbst werde er dann zusammen mit dem Klinikapotheker überprüfen, ob die Zahl der verschriebenen Schlafmittel tatsächlich zurückgehe, so Nau.

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