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Theologisches Stift der Universität Göttingen: 250 Jahre mit Eigenheiten und Engagement

Ministerkabinett in der Geiststraße Theologisches Stift der Universität Göttingen: 250 Jahre mit Eigenheiten und Engagement

Nach Universitätsbibliothek, Botanischem Garten und Waisenhaus ist es die viertälteste Einrichtung der Universität Göttingen: Das seit 250 Jahren bestehende Theologische Stift. 4000 Studierende haben es bisher durchlaufen. Ein neues Buch stellt die Stiftsgeschichte dar.

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Seit 250 Jahren existiert das Theologische Stift der Universität Göttingen; seit 1982 ist es in der Geiststraße 9 untergebracht.

Quelle: pug

Göttingen. Entstanden ist das Stift 1765 als eine das Studium ergänzende Bildungseinrichtung, heißt es im Buch „Stiftsgeschichte(n)“. Der derzeitige Ephorus (Vorsitzende des Stiftungskuratoriums), Theologieprofessor Bernd Schröder, und der Inspektor (Hausleiter), Heiko Wojtkowiak, haben es zum Jubiläum herausgegeben.

Nachwuchswissenschaftler, sogenannte Repetenten, vermittelten den Studenten nötige Kenntnisse insbesondere in alten Sprachen. Sie selbst sammelten so erste Lehrerfahrungen. Das Einkommen gab ihnen finanzielle Sicherheit, um parallel eigene Forschungen zu verfolgen. Die meisten arbeiteten im Anschluss im Pfarrdienst, heute meistens für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover.

Den Bildungsauftrag hat das Stift bis heute. Seit einem guten halben Jahrhundert organisieren Studierende selbst Seminare. Dieser Teil des Stiftslebens ist in den vergangenen Jahren unter Druck geraten. Aufgrund der Studiumsverdichtung im Zuge der Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse fällt es den heute 36 Stiftsbewohnern zunehmend schwer, die Angebote zu nutzen.

Ein knappes Jahrhundert nach der Gründung wandelte sich das Repetentenkollegium auf Anregung von Theologieproessor August Isaak Dorner 1859 in ein Wohnheim. Dem trug eine neue Satzung von 1878 Rechnung. Die Studierenden lernen und leben seither zusammen, seit 1982 im ehemaligen Ernst-August-Hospital in der Geiststraße 9. Das schließt das gemeinsame Verbringen der Freizeit mit ein. So gibt es Kulturabende, wo die Studierenden einander mit Trompete, Klavier oder szenischem Spiel unterhalten.

Auch in diesem Bereich gab und gibt es Herausforderungen. So gehörten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert viele Stiftsbewohner einer Studentenverbindung an, die ihrerseits die Teilnahme an Veranstaltungen erwartete. Teilweise wurden Auseinandersetzungen zwischen Verbindungsstudenten ins Stift hineingetragen. Das Buch berichtet von einer Duellforderung, die während eines Kulturabends ausgesprochen wurde.

Weitreichende Folgen für das Selbstverständnis der Stiftsbewohner hatte die Einführung einer studentischen Selbstverwaltung des Heims 1969. Seither gibt es einen gewählten Senior, der das Wohnheimleben zusammen mit einem Ministerkabinett gestaltet.

Einen großen Teil des Buches machen Stiftsbiographien aus. Viele Theologen, die später in der Wissenschaft, aber auch in der Kirche Karriere machten, begannen als Repetenten. Zu ihnen gehört Wilhelm Gesenius, der ein bis heute wichtiges hebräisches Wörterbuch verfasst hat. Der Theologe und Orientalist Heinrich Ewald war  1837 einer der Göttinger Sieben, die gegen die Aufhebung des Staatsgrundgesetzes im Königreich Hannover protestierten und deshalb ihre Stellen im Staatsdienst verloren. Ewalds Schüler, Julius Wellhausen, trug maßgeblich zur Entwicklung der historisch-kritischen Methode bei, die der Bibel den Nimbus einer Offenbarungsschrift nahm.

pug

Bernd Schröder und Heiko Wojtkowiak (Hg.): „Stiftsgeschichte(n).“ V&R Academic, 402 Seiten. 59,99 Euro.

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