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00:17 19.12.2016
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Göttingen

Medizinhistoriker bekommen keinen Nobelpreis, erklärte Dr. Nils Hansson. Er ist trotzdem einer geworden und forscht zur Vergabe des Nobelpreises. In der Alten Mensa der Universität Göttingen hat Hansson über „Hochbegabte Verlierer: Nobelpreiskandidaten und das fehlende Stück zum Glück“ gesprochen.

Hansson begann mit einer Anekdote: „Zum Harvard-Knigge gehört es, dass man Wissenschaftler Anfang Oktober nicht anrufen darf. Dann warten sie nämlich auf den Anruf aus Stockholm“, erzählte Hansson, der dort früher Gastdozent war. Der Nobelpreis gilt weltweit als prestigeträchtigste Auszeichnung. In Hanssons Forschungsgebiet, der Medizin, wurden mehr als 200 Wissenschaftler ausgezeichnet. Ihnen stehen jedoch mehrere Tausend gegenüber, die leer ausgegangen sind.

Alfred Nobel, der Stifter des Preises, hat in einem kurzen Testament festgehalten, wer preiswürdig ist. Diejenigen, die im vergangenen Jahr mit ihrer Forschung den größten Nutzen für die Menschheit gebracht haben, sollen ausgezeichnet werden. So kurz und bündig, so interpretationsoffen: Wer wird ausgezeichnet, wenn die Entdeckung von einem Forscherteam gemacht wurde? Muss die Veröffentlichung wirklich aus dem vergangenen Jahr stammen? In vielen Fällen wird die wissenschaftliche Bedeutung erst Jahre später anerkannt. „Nach dem Rausch folgt die Ernüchterung. Eine Entdeckung, die eine große Zäsur darstellt, stößt in der Folgezeit an ihre Grenzen. Es werden Nebenwirkungen bekannt“, umriss Hansson die Problematik.

Im Stockholmer Nobelpreisarchiv forschte Hansson nach, wer nominiert wurde und wie das Komitee seine Entscheidung gegen oder für die Kandidaten begründete. Die Akten sind allerdings 50 Jahre lang unter Verschluss. Der Medizinhistoriker befasste sich deshalb mit den älteren Fällen.

Etwas provokant fasste Hansson seine Erkenntnisse zusammen. Er gab Tipps, wie es zu schaffen ist, den Nobelpreis nicht zu bekommen: „Erstens sollte man die Mainstream-Gebiete der Forschung meiden. Zweitens sollte man nicht auf Englisch oder Deutsch publizieren.“ Junge Forscher, die sich keinen Anruf aus Stockholm wünschen, sollten nicht zuletzt die Wahl des Fachgebiets beachten: „In der Gynäkologie, der Orthopädie und der Anästhesie gab es noch nie eine Auszeichnung.“ Pioniere hatten auch häufig das Nachsehen. Ein Beispiel dafür ist der Berliner Chirurg Themistokles Gluck. Er setzte schon im ausgehenden 20. Jahrhundert künstliche Gelenke ein. Die Zementfixation wurde allerdings erst Jahrzehnte später aufgegriffen und umgesetzt.

Wer den Preis am Ende bekommt, darüber bestimmt das Nobel-Komitee. Heute wird häufig in kollaborativer Praxis geforscht. „Das Komitee sieht seine Aufgabe darin, den Nukleus zu finden“, merkte Hansson an. Denjenigen Forscher, der zuerst die Idee hatte oder für die Entdeckung am maßgeblichsten war, will das Komitee ausfindig machen. Ein Zuhörer äußerte im Anschluss an den Vortrag Zweifel an der Vergabe des Preises: „Ich bin überzeugt, man kann den Nobelpreis nicht so ernst nehmen.“ Hansson lächelte: „Da sind wir zwei.“

Der nächste Vortrag steht am Donnerstag, 12. Januar, 2017, auf dem Programm. Dann spricht Marika Hedin, Direktorin des Gustavianums, Uppsala University Museum. Ihr Thema: „Exhibiting science or scientists? The dilemma of of the modern science museum“. Der Vortrag in der Alten Mensa, Wilhelmsplatz 3, beginnt um 18.15 Uhr.

Nobel-Ausstellung

Der Vortrag gehörte zum Begleitprogramm der Ausstellung „on/off. Vom Nobelpreis und den Grenzen der Wissenschaft“. Im Zentrum der Schaus steht der Göttinger Physiker Prof. Stefan Hell, dem 2014 der Chemienobelpreis für die Überwindung der Auflösungsgrenze in der Lichtmikroskopie verliehen wurde. Die Schau läuft noch bis zum Sonntag, 28. Mai 2017, in der Alten Mensa, Wilhelmsplatz 3. Sie ist dienstags bis sonntags von 12 bis 19 Uhr zu sehen. Zum Programm gehören Vorträge, eine Filmreihe im Lumière und Führungen durch Schülerscouts.

Von Jorid Engler

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