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Toleranz, Freiheit und Wahrheit

Kardinal Lehmann im Alten Rathaus Toleranz, Freiheit und Wahrheit

Toleranz und Religionsfreiheit sind Errungenschaften der modernen Welt. Über sie hat Karl Kardinal Lehmann „Zum Verständnis der Religionsfreiheit“ im Alten Rathaus am Donnerstag gesprochen.

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Wahrheit und Toleranz als Thema: Karl Kardinal Lehmann auf dem Weg ins Alte Rathaus.

Quelle: Vetter

Der Bischof von Mainz, der als Theologieprofessor dort und in Freiburg lehrte, hielt den letzten Vortrag der 6. Göttinger Akademiewoche „Die Rückkehr der Religion. Wohin?“ vor mehr als 200 Zuhörern.

Jede Religion hat und verteidigt ihren Wahrheitsanspruch. Das führte im 16. und 17. Jahrhundert in Europa zu konfessionellen Bürgerkriegen, erklärte Lehmann und erinnerte: „Allgemeine Religionsfreiheit gab es in den evangelischen Territorien im Prinzip so wenig wie in den katholischen Landen.“ Der Staat habe eingegriffen, und die Frage der Anerkennung der Religion war keine religiöse Angelegenheit, sondern wurde politisch gelöst.

Erst im 20. Jahrhundert reagierte die katholische Kirche mit der Enzyklika „Pacem in terris“ 1963 und mit der Erklärung über die Religionsfreiheit „Dignitatis Humanae“ (1965). Später wurde der Begriff Toleranz mehr und mehr durch Religionsfreiheit ersetzt, führte Lehmann aus, der 1963 in Rom zum Priester geweiht wurde.

Die Anerkennung der Religionsfreiheit wurde in demokratischen Staaten ein verbürgtes, nicht entziehbares Recht auf staatlicher Grundlage. Das Respektieren der verschiedenen Weltanschauungen wurde Gebot der Neutralität des Staates.

Die Kirche, so Lehmann, habe „mit Recht die Religionsfreiheit betont, aber oft den bleibenden eigenen Wahrheitsanspruch zu sehr im Hintergrund belassen.“ Dabei sei zu weinig herausgearbeitet worden, „dass Freiheit auf Wahrheit gründet und dass Wahrheit Freiheit voraussetzt“. Grundsätze, die jede Form von Fundamentalismus vermissen lässt. Lehmann forderte deshalb mit Blick auf die aktuelle Diskussion: „Die Religionen schulden einander und den Menschen gewiss wechselseitiges Verstehen, größtmögliche Verständigung und gemeinsame Verantwortung gegenüber den Bedrohungen unserer Welt, am meisten aber das Zeugnis des Glaubens. Dies schließt die Bereitschaft ein, in dem, was mir als das Fremde begegnet, Wahrheit zu suchen, die mich angeht und mich weiterführen kann.“

„Toleranz heißt immer, nicht gleichgültig sein“, hob Prof. Konrad Cramer in der anschließenden Diskussion hervor und warnte davor, etwas zu „tolerieren, von dessen Unwahrheit man überzeugt ist“. Lehmann erklärte abschließend, „die Idee in den europäischen Verfassungen muss andernorts noch Wirklichkeit werden“. Die geschilderte Auseinandersetzung der christlichen Kirchen habe der Islam noch vor sich, beantwortete Lehmann die Frage zum Thema Islam und Religionsfreiheit. Es sei unmöglich, was „in Europa Staat und Kirche in schmerzlichen Prozessen abgearbeitet haben“ auf andere zu übertragen. „Es ist wichtig, dass wir immer auch die historisch gewachsene Funktion unserer Religionsfreiheit sehen“, so Lehmann.

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