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Totenstadt mit Grabkammern aus Kalkstein

Knochen von Steinzeitmenschen Totenstadt mit Grabkammern aus Kalkstein

Mit der Lupe beugt sich Susan Klingner (29) über die Knochen der Steinzeitmenschen. Kartonweise hat die auf Anthropologie spezialisierte Diplom-Biologin in den vergangenen Monaten die Knochen nach Göttingen transportiert.

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Skelett-Teile von 23 Personen identifiziert: Susan Klingner untersucht Knochen von Steinzeitmenschen.

Quelle: Hinzmann

Sie stammen aus Schmerlecke in der Soester Börde, wo sich eine neolithische Nekropole, eine jungsteinzeitliche Totenstadt, befindet. Zwei der drei Schmerlecker Megalithgräber werden seit 2009 im Rahmen eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgegraben: das eine von der Olper Außenstelle des Landschaftsverband Westfalen-Lippe Archäologie für Westfalen, das andere von der Universität Münster.

Die Gräber stammen aus der Zeit zwischen 3500 und 2800 vor Christus. Es handelt sich um zwei bis drei Meter breite und 20 bis 30 Meter lange Kammern aus Kalkstein, der von weither dorthin transportiert worden ist. Die Gräber sind in den Boden eingesenkt. Darüber häuften die Bauherren jeweils einen Hügel an. Der Zugang erfolgte über einen Vorraum. Die eigentliche Grabkammer war durch einen Stein mit einem sogenannten Seelenloch abgetrennt.

Errichtet worden sind die Gräber von Angehörigen der sogenannten Wartbergkultur, die sie über Generationen nutzten. Bis zu 250 Tote sind in vergleichbaren Anlagen bestattet worden. Im gut erhaltenen Grab, das die Münsteraner unter Leitung von Archäologin Kerstin Schierhold ausgraben, hat Klingner bisher Skelett-Teile von mindestens 23 Personen identifiziert. Noch sind die Wissenschaftler nicht auf dem Grund der Grabkammer angelangt. Es gibt noch einen zweiten Bereich in dem noch einmal so viele Skelette liegen können.

Das Durcheinander der vielen Knochen stellt an die Forscher hohe Anforderungen. Zum Teil wurden bereits während der Steinzeit Schädel zur Seite geräumt, um Platz für neue Beisetzungen zu schaffen. Die Archäologen haben sich in Schmerlecke an den Rand der Grabungsgruben Bretter auf den Boden gelegt und arbeiten liegend. Alle Funde werden vor Ort eingemessen und fotografiert.
„Die Knochen sind sehr gut erhalten“, sagt Klingner. Die Reinigung erfolgt mit Zahnbürste und Pinsel. Die Aufgabe der Anthropologin besteht darin, zerbrochene Knochen wieder zusammenzusetzen und dann zu Skeletten zusammenzufügen. Aus diesen „biohistorischen Urkunden“ kann die Biologin Geschlecht, Alter und Körpergröße der Toten ermitteln.

Außerdem arbeitet Klingner paläopathologisch. Sie untersucht die Funde auf Krankheiten. Auf dem Feld der Paläopathologie promoviert sie seit 2006 bei Prof. Michael Schultz von der Universität Göttingen. Noch steht sie am Anfang ihrer Arbeit. Sie hat aber an einem Schädel bereits Narben festgestellt, die auf eine gut verheilte Reizung der Hirnhaut hindeuten. Außerdem diagnostizierte sie eine Mittelohrentzündung. Die Uni Mainz wird die DNA, das Erbgut, analysieren und so Verwandtschaftsverhältnisse der Toten untereinander rekonstruieren. Durch Untersuchung der sogenannten stabilen Isotopen wollen die Wissenschaftler Rückschlüsse auf das Wanderungsverhalten und die Ernährungsweise der Steinzeitmenschen ziehen.

Unterdessen erfasst Archäologin Schierhold die Beifunde in den Gräbern. Sie hat bereits eine Reihe von durchbohrten Tierzähnen entdeckt, die offenbar als Kette getragen wurden. Außerdem fanden sich Bernsteinperlen und Kupferschmuck, eine Feuersteinklinge sowie Überreste einer Axt. Die Funde deuten auf überregionale Handelsbeziehungen hin. Die Archäologin untersucht außerdem die monumentalen Grabenwerke, die zu den Großgräbern gehören, sowie die benachtbarten Jungsteinzeit-Siedlungen.

Die Grabungsstellen sind am Tag des offenen Denkmals, Sonntag, 12. September, zu besichtigen. Schmerlecke im Landkreis Soest ist von Göttingen aus mit dem Auto in etwa zwei Stunden zu erreichen. Informationen im Internet unter www.uni-muenster.de/AFO/schmerlecke.html

Von Michael Caspar

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